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Falter & Meinung | AT | aus FALTER 34/15 vom 19.08.2015

Von der eigenen Familie in die Türkei entführt und dann entkommen. Das war die unglaubliche Geschichte der Wienerin Jeschin K., aufgezeichnet von Bernhard Odehnal. Jeschin arbeitete als Gogo-Tänzerin, was ihren strenggläubigen Eltern missfiel. Vom Jugendamt wurde Jeschin den Eltern entzogen, dann wurde den Eltern doch das Erziehungsrecht zurückgegeben. Ein Fehler: Bei einem Ausflug Jeschins in die Türkei plante die Familie eine Falle; noch auf dem Flughafen von Istanbul wurde sie von zwei riesenhaften Verwandten gekidnappt. Die Haare wurden ihr geschoren, sie wurde in die Provinz verfrachtet, bekam einen Schleier über den Kopf gezogen und wurde in die Koranschule gesteckt. Dennoch gelang ihr auf abenteuerliche Weise die Flucht und die Rückkehr nach Österreich, wo sie, nun volljährig geworden, um die österreichische Staatsbürgerschaft ansucht.

In der Politik widmeten sich gleich zwei Kommentare dem Ereignis der Woche, der Abwendung Jörg Haiders von der Deutschtümelei samt Hinwendung zum Österreichpatriotismus - in Erwartung des in einem Jahr stattfindenden Jubiläums "1000 Jahre Österreich" eine beinahe unvermeidliche Volte.

Gleichzeitig wurden Kontakte von Mitgliedern der Wiener Neustädter FPÖ zu rechtsextremen Kreisen ruchbar; auch illegaler Waffenschmuggel in den Balkankrieg gehörte zu den Vorwürfen gegen die Anständigsten unter uns Bürgern.

Im Kulturteil wies Dietmar Steiner, der Leiter des Wiener Architekturzentrums und des Architekturfestivals 80 Tage Wien, auf eine Veränderung in der Stadt hin: "Wien hat sich in den letzten Jahren als sich selbst veranstaltende Stadt immer stärker in den Vordergrund gerückt. Es ist kein Zufall, dass sich auch in der Stadtbenutzung bei den Menschen Veränderungen abzeichnen. Wenn man am Abend durch das Bermuda-Dreieck geht, führen sich die Kagraner und Floridsdorfer und Simmeringer genauso auf wie die Italiener oder die Norweger. Die Stadtbenutzung ist auch bei den Einheimischen eine touristische geworden."


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