Luxusvillen für die Massen

Tauchen im Arbeiterpalazzo, Planschen im Anarchoparadies: Wiens Freibäder durch die Brille der Kulturgeschichte betrachtet

Feuilleton | REPORTAGE: MATTHIAS DUSINI | aus FALTER 34/15 vom 19.08.2015

Der Schnöseltreffpunkt im Nobelbezirk Döbling ist zugleich einer der schönsten Orte Wiens. Das Krapfenwaldlbad (19., Krapfenwaldgasse 65) empfängt den Besucher mit einem imposanten Gebäude, das, obwohl erst 1923 fertiggestellt, noch den historistischen Geist des 19. Jahrhunderts atmet. Es ist ein Schloss, das seinen Zweck, das Umkleiden, hinter schmucken Fassaden verbirgt, ein Palast für das Badevolk.

Die sozialdemokratische Stadtregierung rief nach dem Ersten Weltkrieg die Losung "Licht, Luft und Sonne" aus. Die zahlreichen Freibäder dieser Zeit inszenieren dieses Gesundheitsprogramm als lustvolle Massenperformance. Im Falle des Krapfenwaldlbades denkt man eher an alte Zeiten, an die Wasserbecken und Bäume englischer Landschaftsparks. Der Weg zum Pool führt durch einen lichten Föhrenwald. Es fehlen nur noch die Schafe, um die Idylle perfekt zu machen.

Der proletarische Körperkult der 1920er-Jahre wurde im Krapfenwaldlbad vom Sixpack-Ideal der Fitnessstudios abgelöst. Die durchtrainierten


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