Doris Knecht Selbstversuch

Früher hätte man halt Nein gesagt

Doris Knecht bleibt einfach mal sitzen

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 34/15 vom 19.08.2015

Das wird eine nicht so gute Nachred. Man hat die Gäste aus der Stadt nach einem langen, wein seligen Abend unterm Sternenhimmel um halb drei Uhr früh noch beim Abwasch helfen lassen. Sie haben es bitte angeboten! Früher hätte man das Angebot halt abgelehnt. Man hätte gesagt, ach, wirklich nicht, das lassma stehen, das machma morgen. Tausend Mal hat man nachts einen Berg dreckiges Geschirr samt einem Dutzend in schwarzem Spülwasser eingeweichte Pfannen in der Küche zurückgelassen und trotzdem wohlig geschlafen. Auf einmal. Call me Spießer! Man mag jetzt in der Früh in eine saubere Küche mit einer leeren, sauberen Spüle treten und die saubere Espressokanne auf eine saubere Herdplatte stellen und sich auf einem sauberen Teller ein Marmeladenbrot streichen. (Wobei. Sauber. Erst kürzlich hat man sich wieder gedacht, man sollte viel öfter mit Brille abwaschen.)

Deshalb hat man diesmal gesagt, dass das super wäre, ma, prima, danke, das hamma eh gleich. Man ist aber noch nicht so komplett hinüber, dass einem das nicht einerseits auch wahnsinnig peinlich wäre. Andererseits verschaffte es einem Gelegenheit, um sieben, also einer Zeit, zu der jeder normale Mensch, der bis drei Uhr abwaschen hat, noch lange und wohlig schläft, nach einem sauberen kleinen Kaffee sich draußen anderen, lärmreduzierten Spießerzwangshandlungen hinzugeben, wie dem Einsammeln von Weinflaschen im taunassen Gras, dem Einweichen von wachsund rotweingetränkten Tischtüchern, der Grillsäuberung und -politur, der akkuraten 90-Grad-Ausrichtung der Gartenmöblage, dem Ausreißen uneingeladener Flora, derlei.

So gesehen ist man froh, wenn man das eigene Landleben einmal verlassen und sich in ein fremdes hineinbegeben darf. Andere Leute haben nämlich auch schöne Landleben, außerordentlich schöne. Man schaut sich zuerst das vom Kollegen Dings im Wienerwald an und fährt dann zum feschen Fotografen ins Burgenland (wobei man sich nur zwei-oder dreimal verfährt), setzt sich in FFs bequemsten Gartensessel und bleibt zwei Tage lang einfach sitzen, weil man dort nämlich keine Arbeit sieht, jedenfalls keine, die man selbst und sofort erledigen muss, weil es nämlich dem FF seine Arbeit ist und einen nichts angeht. Das ist extrem erholsam.

Ganz toll ist auch, dass man sich beim Rückweg kein einziges Mal verfährt, weil einem der FF, während man in seinem Sessel saß, ein Navi ins Handy installiert hat, das einen mit ruhiger Stimme und ohne Geschrei nach Hause leitete. Hey, es gibt Navis, die man ins Handy installieren kann! Wieso sagt einem das denn nicht früher einer!! Danke FF.

Daheim im eigenen Leben ist es Donnerstagnachmittag, und man begibt sich hinüber zum Horwath, um mit einem Spritzer auf den Fleischhauer zu warten, der irgendwann um sechs herum seinen Lieferwagen vorfährt und Grillfleisch verkauft, fürs Wochenend, wenn wieder Leute kommen aus der Stadt.


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