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Warum nehmen Sie nur 45 Flüchtlinge auf, Herr Gilli?

Politik | INTERVIEW: LYDIA SPRINZL | aus FALTER 34/15 vom 19.08.2015

In ein ehemaliges Kinderheim der Stadt Wien in Eggenburg in Niederösterreich werden im September 45 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan einziehen. Ursprünglich sollten 200 Jugendliche Zuflucht in dem Ort von Bürgermeister Georg Gilli (ÖVP) finden.

Wie kam es dazu, dass Sie die Jugendlichen aufnehmen?

Wir haben uns im Gemeinderat mit dem Thema auseinandergesetzt und mit dem Land Niederösterreich gesprochen. Von dort kam dann die Frage, ob wir bereit wären, 45 unbegleitete Minderjährige aufzunehmen. Nachdem wir aber selbst keine Gemeindehäuser haben, in denen wir das hätten verwirklichen können, kam die Gemeinde Wien ins Spiel. Wiens Stadträtin Sonja Wehsely meinte, wir sollen 200 Flüchtlinge aufnehmen.

Was ist dann passiert?

Landeshauptmann Pröll, Wiens Bürgermeister Häupl und ich waren uns einig, dass die Kapazitäten nicht ausreichen. Also haben wir uns auf die ursprünglichen 45 geeinigt.

Wie haben die Einwohner reagiert?

Im Ort herrscht eine positive Stimmung und eine große Hilfsbereitschaft. Die Caritas und örtliche Vereine werden die 14-bis 18-Jährigen betreuen. Freizeitaktivitäten wie Fußball, Tennis und Handball werden wir anbieten, bei der Freiwilligen Feuerwehr dürfen die Burschen auch mithelfen und Mitglieder werden. Aber Deutschkurse stehen im Vordergrund. Wir gehen das jetzt miteinander an, so kann das ein schönes Projekt werden.

Warum war es Ihnen wichtig, die Minderjährigen aufzunehmen?

Als Gemeinde kann man sich dem Problem nicht entziehen. Solange man aktiv agieren kann, ist es möglich, alles gut vorzubereiten und den Einwohnern bewusst zu machen, dass wir eine bestimmte ethische Verpflichtung haben. Wird aber Druck von der Bundesseite aufgebaut, funktioniert das alles nicht mehr.


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