Rost and Sound

Das Rostfest versucht mit Kunst und Diskurs eine beinahe vergessene Stadt zu beleben

Lexikon | LUKAS MATZINGER | aus FALTER 34/15 vom 19.08.2015

Es gibt verschiedene Strategien, um das Schrumpfen von Kleinstädten zu stoppen: touristische Potenziale erschließen, großzügige Jugendarbeit anbieten, Wege für neue Wirtschaftszweige ebnen, kulturelle Angebote schaffen. Die Veranstalter des Eisenerzer Rostfests haben sich vor vier Jahren für alle vier entschieden.

Der Soziologe Rainer Rosegger, die Geografin Elisa Rosegger-Purkrabek, der Informationsdesigner Franz Lammer und ein großes Team um sie herum haben das Rostfest geschaffen, um eine Stadt zu beleben, die seit den 1960er-Jahren mehr als zwei Drittel ihrer Einwohner verloren hat.

Zum vierten Mal reist der in erster Linie Grazer Kreativtross heuer nach Norden, um die ehemalige Bergbauhochburg Eisenerz und ihren Rost zu feiern und dort Impulse zu setzen. Die Leerstände der Schwerindustriestadt werden für drei Tage zu Bühnen, Ausstellungsräumen oder Wohnungen.

An drei Tagen soll Eisenerz viel von dem bekommen, woran es das übrige Jahr fehlt: Workshops, Diskussionen, Kinderprogramme, Ausstellungen, temporäre Gasthäuser, Sportaktionen sowie Dancefloors. Große und kleine Konzerte erhellen bei freiem Eintritt einen dunkel gewordenen Teil der Steiermark.

Das Herz des Festivals ist die Open-Air-Bühne am Bergmannplatz, er ist das Zentrum dieser Stadt. Dort spielen am Freitag die deutsche Pop-Band Die Rakede und der Londoner Gut-drauf-MC Klumzy Tung für die Jungen, am Samstag die Bostoner Hardcore-Veteranen Slapshot für die Alten.

Ein junger Klassiker des Rostfests ist der stilechte Frühschoppen am Eisenerzer Schichtturm ein paar Dutzend Meter oberhalb der Stadt. Am Fuß des Renaissanceturms, von dem aus einst die Knappen zur Arbeit geläutet wurden, servieren die DJs des Schlagergarten Gloria Peter Alexander zu Mischwein und Mehlspeisen.

Doch das Rostfest ist nicht nur vorübergehender Spielplatz für den hippen Grazer Erlebnistross. So wollen die Veranstalter auch heuer wieder Fragen der Stadt-und Regionalentwicklung diskutiert wissen, die in Stadtspaziergängen und Gesprächsrunden physisch und gedanklich begangen werden sollen.

Die meisten Menschen kommen trotzdem zum Feiern nach Eisenerz. Zur Musik. Zum Rostfest-Gefühl. Und das greift dann so richtig um sich, wenn die Beamer der Visuals-Künstler Ochoresotto warmgelaufen sind und die abendliche Altstadt von Eisenerz in die Kulisse eines wilden Fiebertraums verwandeln. Aber eines richtig schönen Fiebertraums.

Eisenerz, 20.-22.8.


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