Kunst Kritik

Eine Luxuskabine für Helene Fischer

Lexikon | NS | aus FALTER 34/15 vom 19.08.2015

Es ist eine seltsame Porträtgalerie, die derzeit im Foyer der AK Wien hängt. Der Künstler Sven Johne versammelt in seiner Schau "Anomalien des frühen 21. Jahrhunderts /Einige Fallbeispiele" 90 Konterfeis -von höchst unterschiedlicher Bildqualität - von Politikern, Popstars und bekannten Persönlichkeiten wie Edward Snowden ebenso wie von No-Names , die allesamt aus den Medien stammen. Unter diesen goldgerahmten Bildern hängen Texte, biografische Geschichten von Auf-und Aussteigern, die teils wahr, teils erfunden sind und nicht unmittelbar den Gesichtern zugeordnet werden können.

Was gilt im globalisierten Kapitalismus als Erfolg, was wird als persönliche Emanzipation gewertet? Johnes Geschichten stecken voll schwarzen Humors. Vordergründig überwiegt zwar berichtender Reportagestil, aber es werden skurrile bis tragische Lebensläufe geschildert. Einmal erzählt er von der Schlagersängerin Helene Fischer, die nach einem Auftritt eine Suite auf einem Kreuzfahrtschiff geschenkt bekommen hat und diese Luxuskabine mit den Worten "Jetzt kann nichts mehr passieren!" als möglichen Zufluchtsort definierte. Dann wird wieder von einem Arbeitslosen berichtet, der lieber verhungerte, als Hartz IV zu beantragen. Johnes Installation passt perfekt ins AK-Foyer, kommen dort doch vor allem Leute mit Jobproblemen hin. Der 1976 geborene Künstler macht in seinen "anomalen" Fallbeispielen die Verquickung individueller Freiheit mit dem regierenden Neoliberalismus deutlich. Er befeuert auch die Neugierde des Betrachters: Gibt es diese Südseeinsel Nauru wirklich, die in den 1980er-Jahren -dank Phosphatvorkommen - das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt hatte? Der Umgang mit Ressourcen ist nur eine der Kernfragen im Zeitalter der unerschöpflichen Informationsflüsse, aus denen Johne seine interessante Beute fischt.

AK Wien, bis 30.10.


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