Kommentar Konsum

80-Stunden-Woche, weinende Manager: Das Regime Amazon

Falter & Meinung | MATTHIAS DUSINI | aus FALTER 34/15 vom 19.08.2015

Sie schuften 80 Stunden wöchentlich und nehmen unerledigte Arbeit mit ins Wochenende. Manager des Internetversandhauses Amazon brechen vor Überarbeitung in Tränen aus, und der Druck am Arbeitsplatz ist so groß, dass sogar Streber das Gefühl haben, zu wenig geleistet zu haben. Ein Bericht der New York Times stellt den Arbeitsbedingungen in den oberen Etagen von Amazon ein katastrophales Zeugnis aus. Der Fisch beginnt vom Kopf her zu stinken: Die Vertreter von Gewerkschaften wählten Amazon-Gründer Jeff Bezos bereits zum ärgsten Boss der Welt.

Das amerikanische Unternehmen sorgte schon mehrmals für böse Schlagzeilen. Die Lagerarbeiter protestierten gegen das brutale Regime in den Sortimenthallen. Sie klagten über zu kurze Pausen, Sonntagsarbeit und Überwachung nach Gefängnisart. Damit die Online-Kunden ihre Waren möglichst schnell bekommen, treibt der Konzern seine Mitarbeiter zu Höchstleistungen an.

Wer diese Berichte las, überlegte sich sein Konsumverhalten. Es gibt im Internet auch andere Versandhäuser, und außerdem kann man Bücher, Schuhe und Staubsauger auch in richtigen Geschäften in der eigenen Stadt kaufen, dort, wo es einen besseren Arbeitsschutz gibt.

Auch die neuen Leidensprotokolle aus dem Bezos-Imperium appellieren an den Konsumenten. Das sozialdarwinistische System Amazon funktioniert nur, weil es durch die 1-Klick-Mentalität der Kunden unterstützt wird. So wie jene T-Shirts um einen Euro kaufen, auch wenn das Elend der Sweatshops in Bangladesch bekannt ist. Das Mitleid mit den Amazonisten wird sich diesmal dennoch in Grenzen halten. Wer solidarisiert sich schon mit Managern?


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