Fragen Sie Frau Andrea

Hoch sollst du leben

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Kolumnen | Andrea Maria Dusl | aus FALTER 34/15 vom 19.08.2015

Liebe Frau Andrea,

seit wann werden Geburtstage

eigentlich allgemein mit Glückwünschen,

Geschenken und Gebäck

zelebriert? Also nicht „Kaisers

Geburtstag“ als öffentliche Huldigung

durch das Volk – sondern private

Geburtstage? Wurden die auch vom

Floristenverband erfunden wie der

Valentinstag oder von Krawattenfabrikanten

wie der Vatertag?

Von Tortenbäckern gar?

Neugierig, Ihr Armin Wolf,

von unterwegs gesendet

Lieber Armin,

ich darf Sie beruhigen, hinter der Idee der Geburtstagsfeier steckt keine Professionistengruppe. Statistisch gesehen finden Geburtstage an fast allen Tagen des Jahres statt - mit einer auffälligen Häufung in der zweiten Septemberhälfte. Dafür gibt es einen Grund. Neun Monate zuvor, während der kuscheligen Weihnachtsferien, werden die meisten Kinder gezeugt. Umgekehrt haben signifikant weniger Menschen an gesetzlichen Feiertagen Geburtstag. Das liegt vor allem an der Geburtenpolitik der Krankenhäuser. Für die Septembergeburtstägler extra eine Marketingoffensive zu fahren, ist der Industrie bisher noch nicht eingefallen. Immerhin zehn Prozent Zuwachs im Torten-und Geschenkesegment würden die statistischen Daten für die Septembermitte erwarten lassen. Erfunden haben das Geburtstagsfest je nach Betrachtungszeitraum und hermeneutischer Ideologie die ägyptischen Gottkönige, die längerdienenden unter den römischen Kaisern, die Senatorenfamilien und der europäische Hochadel. Das gesamte Mittelalter indes stand der Compleanno weitgehend im Schatten des Geburtstages aller Geburtstage, der jährlichen Wiederkehr der Niederkunft Mariens mit dem Gottessohn. Weihnachten ist der Obergeburtstag. Im Zuge des Aufkommens bürgerlichen Selbstbewusstseins sickerte das Feiern von Geburtstagen dann nach unten. Je protestantischer die Herkunft, desto wahrscheinlicher wurde das Feiern des individuellen Wiegenfestes. Katholische Länder hielten lange Zeit den Namenstag für das wichtigere Jahresfest. Für die verlässliche Infektion der Bevölkerung mit den zentralen Brauchtumsingredienzien Gesang, Geschenk und kerzenbeleuchteter Torte sorgen die Kindergärten in unseren Breiten. Hier werden auch erste Erfahrungen im Kerzenausblasen und Kronetragen gemacht. Eine alte ägyptische Kulturtechnik also.


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