Experimente für die Massen: das Wiener Volkstheater

Feuilleton | SSCH | aus FALTER 35/15 vom 26.08.2015

Im Jahr 1889 als Gegenpol zum Wiener Hofburgtheater (heute: Burgtheater) gegründet, wollte das damals noch "Deutsches Volkstheater" genannte Haus ein breiteres Publikum erreichen als das kaiserliche Privattheater. Die Eintrittskarten waren erschwinglich, gespielt wurden neben Volksstücken klassische und moderne Dramen. Das Haus an der Zweierlinie wurde mit seinem modernen Spielplan und vielen Uraufführungen tatsächlich zur ernsten Konkurrenz für die Burg.

Das Volkstheater ist eines der größten deutschsprachigen Theater und wird heute von einer Privatstiftung als GmbH geführt. Die Stadt Wien subventioniert den Betrieb mit 7,3 Millionen Euro, vom Bund kommen 4,9 Millionen. Das Haus beschäftigt derzeit 264 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und hat in der beginnenden Saison, seit dem Einbau einer Tribüne im Parkett und der Erneuerung der Bestuhlung, 850 Sitzplätze.

Vor Anna Badora, die dem scheidenden Intendanten Michael Schottenberg nachfolgt, stand schon einmal eine Frau an der Spitze dieses Hauses: Emmy Werner (1988 bis 2005) war überhaupt die erste Frau, die mit der Leitung eines Wiener Theaters betraut wurde. Dass die Wahl auf Anna Badora fiel, hat die Theaterkritiker nicht überrascht, denn sie ist eine erfahrene Theaterfrau, die auch schon das Schauspielhaus Graz zu einem innovativen Stadttheater gemacht hat. Badoras Rezept ist, ganz in der Tradition des Volkstheaters, eine Kombination von zeitgenössischen und klassischen Stücken. Aber während Schottenberg vor allem auf Boulevardkomödien und die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit gesetzt hat, zeugt Badoras Spielplan von mehr Mut. Es kommen neue Theaterformen wie dokumentarisches Theater oder partizipatorische Projekte, außerdem engagiert Badora internationale Regisseure. Mit dem Volx/Margarten (ehemals: Hundsturm) gibt es wieder eine zweite, ständig bespielte Nebenspielstätte. Das 22-köpfige Ensemble wurde fast komplett ausgetauscht.

Information: www.volkstheater.at


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