Von der Mafia zum "Märchen der Märchen": Der neue Film von Matteo Garrone

Feuilleton | Filmkritik: Michael Omasta | aus FALTER 35/15 vom 26.08.2015

Es war einmal ein dauergeiler König, der hatte fast jede Frau in seinem Reich. Nur eine, deren lieblichen Gesang er eines Tages aus weiter Ferne vernimmt, nicht. Er stellt ihr nach, doch Dora, die mit ihrer gleichfalls steinalten Schwester in einem Dreckloch lebt, weiß den König von Strongcliff (Vincent Cassel) auf Distanz zu halten und sich vor seinen Blicken zu verbergen.

Nach quasi schönheitschirurgischer Selbstverstümmelung gibt sich Dora im Schutz einer Nacht dem König hin. Ein böses Erwachen, der tiefe Fall in einen Zauberwald und Doras Verwandlung in eine bildschöne junge Frau folgen am Morgen danach.

So unglaublich diese Geschichte, so fantastisch ist der ganze Film, den Matteo Garrone dem "Pentamerone", einer neapolitanischen Märchensammlung von Giambattista Basile aus dem 17. Jahrhundert, abgetrotzt hat. "Das Märchen der Märchen" verknüpft drei Geschichten zu einem Fluss traumartig surrealer Bilder, in denen es von kranken Obsessionen, an Eifersucht oder Melancholie laborierenden Königinnen und Königen sowie Untieren aus der Tiefe und Ogern aus den Bergen nur so wimmelt.

Wie aus der Zeit gefallen wirkt dieser Film, der kaum minder blutig ist als Garrones famose Mafiachronik "Gomorrha" vor ein paar Jahren. Auch hier geht es um die Willkür der Macht, um renitente Jugendliche, um vom Schicksal gezeichnete Frauen. Und auch hier wieder setzen Regie, Ausstattung, Kamera auf analoges Handwerk, wenn man so will: auf brutale Naivität.

So erinnert das Seeungeheuer an die Abenteuer von Jules Verne; dagegen wirkt die Königin von Longtrellis (Salma Hayek), die sein noch dampfendes Herz verzehren muss, um endlich schwanger zu werden, wie das eigentliche Monster. Doch dieser Part bleibt letztlich dem Spielgefährten des kindischen kleinen Königs von Highhills (Toby Jones) vorbehalten - einem Floh von der Größe eines ausgewachsenen Schweins.

Ab 28.8. in den Kinos (OmU im Votiv)


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