Selbstversuch

Mögen sie ihn noch lange lustig finden

Doris Knecht dankt Michael Buchinger

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 35/15 vom 26.08.2015

Nur weil ich ihn unlängst auf FM4 gehört habe: Ich bin Michael-Buchinger-Fan. Also insofern, als ich seinem Singsang nicht besonders gerne zuhöre, seiner guten Laune misstraue, ein Problem mit seinem Pony habe und seine Geschichten nicht besonders lustig finde. Ich bin ein entschiedener Fan von Michael Buchinger. Denn seit die Teenager Michael Buchingers Youtube-Kanal entdeckt haben und faktisch nur Michael Buchinger schauen - einen 23-jährigen schwulen burgenländischen Youtuber mit Wohnsitz in Wien und Berlin, der gern vor der Webcam ein Glaserl Wein trinkt und dabei nicht besonders lustige Schwänke aus seinem Leben erzählt -, quatschen die nich mehr in diesem beschoiatn Piefkisch rum, kannste mal sehen, du Opfa, lecka, ey. Sondern wieder normal oder so ähnlich, es klingt jedenfalls endlich nicht mehr, als stammte unsere gesamte Familie aus einem Kölner Slum, in der achten Generation. Ich bin Michael Buchinger außerordentlich dankbar für das, was er für meine Lebensqualität getan hat, indem er die Teenager geheilt hat und ich vorläufig nicht um ihre politische Haltung bangen muss. Mögen sie ihn noch lange lustig finden.

Was wieder einmal beweist: Es ist alles eine Frage der Vorbildwirkung, Teenager brauchen Vorbilder, wobei man sich lieber nicht zu der Illusion versteigen sollte, dass man selbst als solches irgendwie qualifiziert wäre. Man kann zum Beispiel 5000-mal nach dem Essen demonstrativ seinen Teller packen und ihn samt Besteck in die Spülmaschine verfrachten. Das bewirkt beim Teenager nichts. Was hilft, ist demonstrative schlechte Laune, wann immer der Teenager den Teller nicht wegräumt, das findet er auf Dauer so unangenehm, dass er schließlich ausgefeilte Kulturtechniken entwickelt, die es ihm ermöglichen, Speisen, auch Hauptspeisen, ohne die Beschmutzung von Porzellan und Metall zu verzehren. Tatsächlich verzichtet der Teenager letztlich lieber auf die eine oder andere Mahlzeit, bevor er Gefahr läuft, etwas abwaschen zu müssen, weshalb ein typischer Sommernachmittagsdialog so verläuft: Guten Morgen, lieber Teenager, ich hoffe, du hast wohl geruht, darf ich dir Frühstück servieren?

Um Gottes willen, bloß nicht, weil wer muss es dann wieder wegräumen?? Eh. Ich esse draußen ein Semmerl mit nichts, danke.

Aus diesem Grund fruchtet auch nicht die am Küchenschrank affichierte, schön kalligrafierte Liste einfacher, nahrhafter Mahlzeiten, die ein Teenager sich zu Mittag ohne großen Aufwand und ohne Belästigung der Erziehungsberechtigten zubereiten kann. Könnte. Gibt's Toastbroat? Ja, im Kühlschrank. Gibt's auch Nutella? Nein. Dann hab ich keinen Hunger. Wenn man sie nach dem Abendessen doch einmal zwingt, den Abwasch zu machen, braucht man Ohrstöpsel und muss hinterher selber das Brett und das Messer abwaschen, mit dem man die Paradeiser geschnitten hat. Weil, Entschuldigung, aber das haben sie weder bestellt noch gegessen. Ah, ja.


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