Stadtrand Urbanismuskolumne

Kollektives Wachrütteln

Birgit Wittstock ließ sich am Wochenende den Kopf zurechtrütteln und sieht jetzt klar

Stadtleben | aus FALTER 35/15 vom 26.08.2015

Momentan rennt ziemlich viel ziemlich schief, und es gibt offenbar zwei entgegengesetzte evolutionär programmierte Reaktionsweisen: Kämpfen oder Flüchten oder, anders gesagt, Hands-on oder Kopf in den Sand. Während der eine Teil der heimischen Bevölkerung voller Übelkeit an die Prognosen für die anstehende Wien-Wahl denkt, regelmäßig mit vollen Kofferräumen nach Traiskirchen fährt oder anderweitig versucht, sich in der heimischen Flüchtlingskrise nützlich zu machen, bevorzugt es der andere Teil, vor allem an sich selbst zu denken, und vertreibt sich den Sommer mit Spiel, Spaß und Shopping.

Vielleicht hatte der Künstler Leopold Kessler Letztere im Kopf, als er Ende Juli seine temporäre Installation auf der Mahü Ecke Schadekgasse eröffnete: eine kollektive Rüttelplatte. Bis zu 20 Leute können sich gleichzeitig auf der vibrierenden Metallplatte durchrütteln lassen. Im 19. Jahrhundert dazu verwendet, Hysterie zu behandeln, später um negativen Effekten der Schwerelosigkeit bei sowjetischen Kosmonauten entgegenzuwirken, braucht es sie jetzt zum kollektiven Wachrütteln.


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