Fragen Sie Frau Andrea

Ist Muttermilch vegan?

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Kolumnen | aus FALTER 35/15 vom 26.08.2015

Liebe Frau Andrea, dürfen die Babys veganer Eltern eigentlich Muttermilch trinken? Was meinen Sie? Herzlich! Regina Danek, per E-Mail

Lieber Regina,

für die Beantwortung Ihrer Frage ist meine Meinung völlig unerheblich. Ginge es nach mir, wäre Pudding verboten, Dille gälte als verfemtes Kraut, Aniskonsum als Kulturverfehlung, und für das Zubereiten von Leber forderte ich gesellschaftliche Ächtung. Auch geht es nicht um ein Dürfen. Vegane und vegetarische Diätvorschriften sind weitgehend privater Natur und unterliegen der Selbstunterwerfung durch mündige und freie Erwachsene. Was aber verlangen diese Vorschriften von der sie befolgenden Community, oder - etwas milder ausgedrückt - in welchen Grenzen bewegen sich diese Ernährungsideen? Unter Vegetarismus verstehen wir jene Lebensweise, bei der neben Nahrungsmitteln pflanzlichen Ursprungs nur die Produkte lebender Tiere verzehrt werden, also Eier, Milchprodukte und Honig. Ovo-Vegetarier essen Eier von Vögeln und anderen Tieren (Kaviar etwa) nur dann, wenn sie nicht befruchtet sind, keinen lebendigen Organismus enthalten und folglich beim Verzehr kein (höheres) Lebewesen aus dem Tierreich getötet wird. Einer noch strengeren ethischen Disziplinierung unterwirft sich der Veganismus. Dieser praktiziert eine Ernährungs-, ja Lebensphilosophie, die Produkte tierischen Ursprungs generell ablehnt. Dabei geht es im Kern um die Vermeidung von Tierleid durch Tötung, Zucht und Ausbeutung. Der Begriff "vegan" wurde 1944 vom englischen Pazifisten, Tierfreund und Komplettabstinenzler Donald Watson (1910-2005) im Rahmen der Etablierung der "Vegan Society" geprägt.

Die Abkürzung gilt Veganismushistorikern als Wortneuschöpfung aus "veg"-etari-"an", weil - so die flapsige Etymologie - Veganismus mit Vegetarismus beginne und diesen zu seinem logischen Ende führe. Verschärfte Logik dieser Art bringen die Frutarier in Stellung. Sie streben eine Ernährung durch pflanzliche Produkte an, die ohne Beschädigung oder Tod der Pflanze auskommen: Fallobst, Laub und verwaiste Samen also. Keine ethischen Konflikte bereitet Hardcore-Veganern indes das Stillen mit Muttermilch. Werden dabei doch nach gängigem Verständnis Tiere weder ausgebeutet noch getötet. Auch Blowjobs gelten daher als vegan.


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