Alternative Mainstream

Das neue Westpol hat zwar keine Konturen, aber die sind scharf gezeichnet

Stadtleben | Lokalkritik: Florian Holzer | aus FALTER 35/15 vom 26.08.2015


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Es gibt Lokale, die entspringen einer inneren Passion. Dann gibt es Lokale, die werden an Orten eröffnet und mit einem Angebot versehen, weil andere Lokale dort schon mit dem gleichen Programm funktionieren. Und dann gibt es Lokale, denen weder eine besondere Passion noch ein kopiertes Erfolgsrezept zugrunde liegen. Die wittern einfach den Zeitgeist und formen sich danach, saugen den lokalen Spirit auf und lassen daraus Gastraumdesign und Speisekarte werden, so wie man an geeigneten Stellen einfach Leinen ins Meer hängen muss, um eineinhalb Jahre später Miesmuscheln ernten zu können.

Das neue Westpol ist ein bisschen so ein lokaler Atmosphären-Kollektor, gebildet aus dem derzeitigen kulinarischen Style-Plankton des siebten und achten Bezirks. Ein größter gemeinsamer Nenner so ziemlich aller Lokale, die im vergangenen Jahr in Wien aufmachten. Der weiße Europaletten-Schanigartenzaun mit integrierten Kräutertöpfen, die angesagten Zementfliesen, die am Kabel baumelnden Hängekugellampen, die glänzend weiß verflieste Bar, die coolgrauen Wände und natürlich die Kreidetafel. Fast überrascht es, dass auf der Karte nichts von Pulled Pork zu lesen ist, wie sich die Karte dann überhaupt ein bisschen aus dem Alternative-Mainstream-Gefüge löst. Was wohl daran liegt, dass Zabit Fidan bis vor kurzem gemeinsam mit seinem Onkel das türkische Lokal Hasir am Mexikoplatz führte, ein Familienstreit motivierte Fidan und seine Frau dann, was Eigenes zu machen.

Einen roten Faden in der Westpol-Karte zu finden ist nicht wirklich ganz einfach, man bietet Burger, Salate, ein bisschen steirischen Rindfleischsalat mit Kernöl, Salate, Grill, polnische Pierogi, einzig der türkische Sektor des Sortiments wirkt fundiert. Der Umbau hätte so lange gedauert, gesteht Zabit Fidan, viel Zeit, um die Karte mehrmals umzuschreiben … Die orientalische Vorspeisenplatte ist jedenfalls schon einmal keine schlechte Wahl, die Portion ist riesig, die selbstgemachten Falafel sind gut, das selbstgemachte Hummus und die Joghurtcreme Haydari okay, das Melanzani-Zucchini-Gemüse super, das Zigarettenbörek etwas fettfrei, der Couscous-Salat eher öd (€ 8,50). Die Linsensuppe kann man sich in dieser Form sparen, dünn und ausdruckslos (€ 3,70), auch die mit Hühnerfleisch gefüllten Zucchini könnten noch einen aromatischen Kick gebrauchen (€ 9,50). Das Moussaka wurde ein bisschen dem lokalen Essverhalten angepasst – also weniger Gemüse, mehr Rindfleisch –, was nicht sein müsste (€ 9,50), bei den Pierogi wählt man besser die mit Erdäpfel und Topfen, die mit Spinat sind fad (€ 6,90).

Dem Publikum gefällt’s, Josefstadt und Neubau scheinen mit dem Westpol gut zurechtzukommen. Wenn die Küche noch ein bisserl spannender, spezieller, individueller, eindeutiger würde, wär’s aber wohl auch kein Fehler.

Resümee:

Ein Lokal, das so aussieht, wie Lokale derzeit halt gerade aussehen, und das kreuz und quer durch die Welt kocht. Und trotzdem okay ist.

Westpol
7., Lerchenfelder Str. 71
Tel. 01/944 38 95
Mo–Sa 9–23 Uhr
www.westpol.at


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