Buch der Stunde

Mikroben, Wirte, die Evolution und das höhere Leben

Feuilleton | Sebastian Kiefer | aus FALTER 35/15 vom 26.08.2015

Zwergtintenfische wären ihren Fressfeinden hilflos ausgeliefert, wenn nicht in einer Muskelhöhle ihrer Leiber etwas wuselte: das Bakterium Vibrio fischeri. Es bringt den Tintenfisch bei Dunkelheit zum Leuchten, und das hält Feinde ab.

Die Kopffüßer beginnen sofort nach der Geburt mit dem Einsammeln der lebenswichtigen Mikroben: Behaarte Fangorgane sondern bei der ersten Annäherung von Bakterien einen Schleim ab, der Kleinlebewesen selektiert. Da das Tintenfischinnere ihnen ideale Lebens- und Vermehrungsbedingungen bietet, ist das Zusammenleben für beide günstig.

Das ist eine der Geschichten, die Bernhard Kegel in seinem wunderbaren, souverän das Kleinste mit unseren größten Fragen an das Leben verbindenden Buch erzählt. Subtile (gentechnische Innovationen lassen uns mehr vom Sinn und Ursprung des höheren, zellenmäßig organisierten Lebens verstehen, das wohl an den siedend heißen Fontänen am Meeresboden begann, als sich zwischen eigentlich giftigen Schwermetallen die ersten Mikroben bildeten.

Symbiose, eine mal herzliche, mal konkurrierende Kooperation oder Vereinigung von Wirtstieren und Mikroben, ist die Basis allen höheren Lebens. Meistens befinden sich Letztere an den Schnittstellen eines Lebewesens und seiner Außenwelt, in Mund, Speiseröhre, Magen, Darm und Haut. Dort sitzen auch wesentliche Teile des Immunsystems.

Letztlich ist die Trennung eines Lebewesens von seiner Umwelt paradoxerweise nur durch Kooperation mit anderen Organismen möglich. Das Immunsystem war ursprünglich, so erwägen heutige Biologen, gar keine Armee zur Feindesabwehr, sondern ein System, das laufend und flexibel neue Gleichgewichte herstellte.

Und Mikroben sind nicht nur höchst eigenwillige Partner, sie sind oft auch listig. Sie manipulieren etwa das Fortpflanzungsverhalten und treiben auf diese Weise die Evolution an. Wenn da nicht die Viren wären, die heimlichen Regisseure, die viele Mikroben steuern und deren genetische Prägekraft in uns allen wirkt.


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