Selbstversuch

Warst du denn nicht eben in Berlin?

Doris Knecht versucht es ja

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 36/15 vom 02.09.2015

Die Teenager, das soll hier auch einmal erwähnt werden, sind übrigens sonst ganz großartig. Alle. Oder zumindest alle, die ich kenne. Sie nerven nicht übermäßig, sie sind, sofern es sich nicht um ihre eigenen Erziehungsberechtigten handelt, freundlich, höflich und zuvorkommend, und es sind darunter welche, die schon jetzt zur Existenzsicherung beitragen, indem sie regelmäßig den Falter kaufen. Also, konkreter, ihre Erziehungsberechtigten zwingen, den Falter zu kaufen; danke, Horwath jr. Was dem Falter ein Auftrag sein sollte: Hier wächst eine neue Leserschicht heran, die man bedienen muss, zum Beispiel sollte viel mehr und viel euphorischer über Rapid geschrieben werden. Und über Michael Buchinger.

Dieses Lob des Teenagers steht eventuell in einem sehr konkreten Kontext zu der vollkommen teenagerfreien Woche, die man gerade verlebt hat und die sich nun dem Ende zuneigt. Vor lauter Vorfreude auf die Teenager neigt man dazu, auszublenden, dass einem diese fünf Minuten nach der ersten Wiedersehensfreude und unmittelbar nach dem Schock, dass man sich ohne Geschenk in ihre Nähe gewagt hat, wieder ganz normal auf die Nerven gehen werden. Warst du nicht eben in Berlin? Seit wann steht Berlin nicht mehr auf der Liste zwingend geschenkpflichtiger Dienstreisezielorte? Es wird nichts nützen vorzutragen, dass es von den 24 Stunden in Berlin zwölf Stunden lang Sonntag war und dass laut dem zwischen Eltern und Kindern allgemein gültigen Dienstreisenregelwerk Aufenthalte unter 48 Stunden nicht zu Geschenken verpflichten und auch Minimitbringsel nur fakultativ sind. Es wird eingewendet werden, dass man sich insgesamt viel länger als 48 Stunden nicht gesehen habe und dass folglich ein kleiner Willkommensgruß als Ausdruck der Freude über die Reunion mit der schmerzlich vermissten Nachkommenschaft durchaus angebracht gewesen wäre. Jaja. Im Gegenzug werden sie einem alle Michael-Buchinger- und anderen Youtube-Videos nacherzählen, die sie in der vergangenen Woche gesehen haben, und es gibt nur wenig Nervenzersetzenderes und Lebenszeitvernichtenderes als eine von "na, wart, zuerst hat er" und "das war so lustig" unterbrochene Replikation einer Youtuber-Epistel.

Ja, man sieht und liebt das Glück und den Enthusiasmus in den Augen der Teenager, aber es ist irgendwie nicht wirklich übertragbar. Man nickt und grinst tapfer, und, ja, man fühlt auch die Dankbarkeit darüber, dass sie einen überhaupt noch ansprechen und man noch, nur ein Weilchen noch, ein akzeptabler Gesprächspartner für sie ist: jemand, den sie am Leben und an seinen begeisterungsauslösenden Momenten teilhaben lassen wollen, weil man natürlich Kenntnis davon hat, dass das Ende dieses Privilegs unaufhaltsam naht. Aber selbst diese Dankbarkeit überwiegt nicht die Ödnis und die Taubheit, die ein nacherzählter Michael-Buchinger-Zehnminüter in einem Gehirn auszubreiten imstande ist. Und dann hat er! Echt?! So lustig!


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