Der Stoff, aus dem die Stoffe sind. Das Textile als Kernthema der Globalisierung

Kunstkritik: Ulrich Tragatschnig | Lexikon | aus FALTER 36/15 vom 02.09.2015

Dass derzeit die Kunst dem Textilen so viel Aufmerksamkeit schenkt, mag ein Trend sein. Wer nach Gründen dafür fragt, den versorgt die von Christian Egger für das Künstlerhaus kuratierte Ausstellung "Wow! Woven? Entering the (sub)Textiles" aber mit genug Anhaltspunkten, um im Textilen das logische Kernthema unserer von Globalisierung und Billigkonsum gekennzeichneten und von Vernetzungsmetaphern reichen Zeit zu sehen. Als eines der ältesten Handelsgüter hat das Textile Kapitalismus und Ausbeutung quasi "miterfunden", wie Egger erläutert und in einer vielschichtigen Schau konzeptueller Arbeiten illustriert. In historischen Recherchen konterkarieren diese das in seiner gelassenen Beharrlichkeit schöne Ornament mit den grausamen Arbeitsbedingungen, welche seine Herstellung von jeher bestimmen, und hinterfragen dabei mit Blick auf den frühen Kolonialismus auch Alois Riegls Vorstellung eines historisch und geografisch je spezifischen "Kunstwollens".

Sascha Reichsteins Arbeit "The Production of Tradition" zeigt etwa, wie deutsch die "deutsche", in Sri Lanka zusammengenähte Lederhose ist, während Lisa Oppenheim in "Fish Scale, Véritable Hollandais" Stoffe ablichtet, die in Holland für Westafrika produziert werden. Dass sich dabei durch Moiré-Effekt Fischschuppen ähnelnde Muster ergeben, verweist auf ein Eigenleben des Materials, dem die Ausstellung ebenfalls breiten Raum lässt, indem sie die Wechselwirkungen des Textilen - sowohl mit Begriffen des Bildlichen als auch mit anderen Formen von "Stofflichkeit" - analysiert. Das wird so schnell nicht aus der Mode kommen.

Künstlerhaus, Graz, bis 10.9.


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