Enthusiasmuskolumne

Die Welt in Schieflage aus 117 Metern

Diesmal: das beste Karussell der Welt der Woche


Sara Schausberger
Feuilleton | aus FALTER 36/15 vom 02.09.2015

Am Anfang ist die Angst. Vielleicht noch nicht, wenn man das Ticket kauft. Und auch noch nicht, wenn man alles ablegt, was einem später runterfallen könnte, die Sandalen zum Beispiel, aber dann, wenn man sich in den Schaukelsitz setzt, sich anschnallt und merkt, dass man nur an zwei dünnen Ketten baumelt.

Richtig groß wird die Angst, wenn die Schaukel anfängt, sich immer weiter nach oben zu schrauben. Ab der Baumgrenze wird es kühler, und nach einem Blick nach unten fragt man sich, warum man sich das eigentlich angetan hat. Also macht man die Augen zu und beschließt, sie erst wieder aufzumachen, wenn die Fahrt mit dem dritthöchsten Kettenkarussell der Welt wieder vorbei ist.

Seit 1. Mai 2010 steht der sogenannte Praterturm vor dem Schweizerhaus im Wiener Prater. Er ist 117 Meter hoch und hat zwölf Doppelsitze. Mit 60 Stundenkilometern dreht er sich im Kreis, das sind bei einem Flugradius von 36 Metern zehn Umdrehungen pro Minute. Irgendwann beschließt man, die Augen doch wieder aufzumachen, immerhin hat man fünf Euro für dieses Vergnügen gezahlt.

Die Luft da oben ist dünn, und man befindet sich mittlerweile in ziemlicher Schieflage. Man bemerkt, dass einem gar nicht mehr schwindlig und schlecht wird, sondern dass es schön ist. Sehr schön sogar. Der Wind fährt einem durch die Haare, durch die Wimpern, durch die Zehen. Unter einem sind die Ameisenmenschen, der Prater, die Stadt, und die Sonne geht unter.

Am allerschönsten ist es danach, wenn man wieder festen Boden unter den Füßen hat. Dann hat man ein Hochgefühl, wie man es selten erlebt. Vielleicht ist das der Höhenangst geschuldet, von der man vorher nichts wusste. Egal, so eine Fahrt mit dem dritthöchsten Karussell der Welt macht tatsächlich ein bisschen high.


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