Selbstversuch

Den nächsten Kanzler haben wir auch schon

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 37/15 vom 09.09.2015

Die Teenager finden nicht okay, was ich über Michael Buchinger geschrieben habe. Aber es war doch eh nett! Das war nett?! Das war sogar ziemlich nett!; also für meine Verhältnisse.

Es war aber offenbar bei weitem nicht nett genug, und ich bin jetzt bereit, folgende Erklärung abzugeben: Ich bin nun ein noch viel entschiedener Michael-Buchinger-Fan als letzte Woche. Denn ein ziemlich unglaublicher Zufall wollte es, dass andere freundliche Teenager aus dem ehemaligen Mütterrudel-Kinderwagen-Geschwader vor ein paar Tagen Michael Buchinger zufällig auf der Straße trafen, ihn sogleich ungeniert ansprachen und ihre Smartphones zückten. Worauf Buchinger so fröhlich wie in seinen Youtube-Videos die nicht anwesenden Teenager namentlich grüßte (das war ihm offenbar von den anderen Teenagern genau diktiert worden), mit strahlender Freundlichkeit, als kenne er sie ebenso gut wie sie ihn. Die Teenager in diesem Haushalt: ganz wuggi vor Glück. Ich verstehe allmählich, warum der Mann Österreichs beliebtester Youtuber ist.

Auch ich bin wuggi vor Glück über das, was letzte Woche in Österreich passiert ist. Endlich passiert ist. Dass so viele Leute, denen Flüchtlinge bisher eher am Dings vorbeigingen, nun auf einmal geschnallt haben, dass man da nicht mehr zuschauen kann. Vor allem auch: dass man da nicht mehr neutral sein kann. Ich war schon ziemlich stolz auf die sogenannte linke Kulturschickeria, als sie heuer bis auf einen winzigen Ausreißer geschlossen dem Kanzlerfest fernblieb und stattdessen ihre Autos mit Essen und Zelten und Isomatten volllud und nach Traiskirchen fuhr, immer und immer wieder.

Aber jetzt bin ich noch viel stolzer auf alle, die wirklich persönlich dafür verantwortlich sind, dass das Ruder gerade noch herumgerissen wurde, weil sie so viel Druck gemacht haben, dass die Regierung schließlich handeln musste. Unter anderem indem sie auch dafür sorgten, dass ansonsten politikferne Prominente, die sogar noch mehr Klicks bekommen als Michael Buchinger, auch nicht mehr neutral blieben und die Botschaft, dass Refugees hier welcome sind, an ein sehr, sehr großes Publikum richtete, das diese Botschaft vernahm. Und die Herzen gingen auf. Und die Herzen vieler Unternehmer. Und der Polizei. Und der ÖBB, was uns wohl gleich auch schon den nächsten Kanzler eingebracht hat, einen, auf den man erst mal große Stücke setzen kann: Christian Kern hat wirklich alles richtig gemacht. Ich bin stolz auf all die eingefleischten Zynikerinnen und Sarkasten, die sich rühren ließen und dann einfach zupackten. Und ich bin auf stolz auf die Texterin/den Texter jenes warmherzigen Info-Flyers der Stadt Wien, der mit den Worten schloss: "Welcome. You are safe."

Und ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass in Traiskirchen immer noch hunderte Menschen im Freien auf der Erde schlafen, unsafe. Weil bisher unwelcome bei fast allen anderen Bürgermeistern dieses Landes: Das wäre jetzt ihr Moment.


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