Kunst Kritik

Satire und Selbstbeschau ohne Kopf

Lexikon | NS | aus FALTER 37/15 vom 09.09.2015

Wir sind gewiss die beiden Pole derselben großen unstillbaren Sehnsucht, ich nach der formalen, Sie nach der gedanklich visionären", schrieb Lyonel Feininger an seinen Kollegen Alfred Kubin, mit dem er ab 1912 sieben Jahre lang eine Brieffreundschaft pflegte. Eine interessante Schau in der Albertina, die zuvor in Ingelheim zu sehen war, geht diesem bislang unveröffentlichten Künstleraustausch nach.

Den ersten Schritt zur Korrespondenz hatte Kubin gemacht, als er dem 30 Jahre jüngeren Deutsch-Amerikaner vorschlug, er möge doch mit ihm Zeichnungen tauschen. Feininger betätigte sich damals als Karikaturist für satirische Magazine, er bewunderte Kubin und kannte auch dessen Roman "Die andere Seite". Am Beginn der Ausstellung sind Feiningers Illustrationen für Blätter wie "Das Narrenschiff" zu sehen, in denen er das deutsche Kaiserreich ebenso wie biedere Kunstliebhaber durch den Kakao zog. Gegenüber hängen Auszüge aus Kubins typisch düsterer Gothic-Welt, sämtlich Grafiken aus dem Albertina-Bestand.

Stilistisch verbindet die beiden Künstler wenig, aber in den (Vorkriegs-)Stimmungen und den Motiven sind sie miteinander verwandt. Kubins albtraumhaften Szenerien wie etwa "Selbstbetrachtung", wo ein Geköpfter seinen Blut spritzenden Rumpf ansieht, stehen Feiningers perspektivisch verzerrte Häuser und windige Fußgänger gegenüber, meist mit einer Prise Spott. Auch im Frauenbild treffen sie sich: Ganz Söhne ihrer Epoche, zeigen sie sie uns als geheimnisvolle Geschöpfe, bei Kubin ins fatal Erotisch-Triebhafte gewendet, bei Feininger als stolze Passantinnen, die jedoch zu viel Make-up aufgetragen haben. Die im Ausstellungstitel verkündete "Künstlerfreundschaft" bestand vor allem aus Zeilen; es gilt nur ein Treffen der Künstler als verbürgt.

Albertina, bis 10.1.


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