Fragen Sie Frau Andrea

Säuger und Säugende und das Glück

Kolumnen | Andrea Maria Dusl | aus FALTER 37/15 vom 09.09.2015

Liebe Frau Andrea, in einer Ihrer letzten Kolumnen bezeichneten Sie die Dille als ein "verfemtes Kraut". Meine Frage: Besteht ein etymologischer Zusammenhang zwischen verfemt und feminin? Danke für die Aufklärung, Catalina Stoica, Meidling, per E-Mail

Liebe Catalina,

vor der Schärfung der Begriffe wollen wir die Zitate redlich behandeln. In der von Ihnen angeführten Kolumne bezeichne ich die Dille nicht als "verfemtes Kraut". Ist doch die Dille keineswegs verfemt. In Beantwortung der Frage nach meiner Meinung zum Thema der Veganität von Muttermilch stelle ich bloß fest, dass meine allfällige Meinung zu einem Konsumtabu unerheblich wäre, denn "ginge es nach mir, wäre Pudding verboten, (...) Aniskonsum (gälte) als Kulturverfehlung und für das Zubereiten von Leber forderte ich gesellschaftliche Ächtung." Zentrale Selbstbezichtigung in dieser Fantasie ist, Dille zum "verfemten Kraut" zu erklären. Sehen wir uns die "Feme" an. Worin besteht sie, was bedeuten Wort und Vorgang? Das Wort ist weitgehend aus unserem Sprachschatz verschwunden. Es zirkulierte in der mittelhochdeutschen Schreibweise als veme, im Oberdeutschen als feim, und bezeichnete im Mittelalter das "heimliche Gericht". Ursprünglich bedeutete das Wort "Genossenschaft" - der Vorgang des Verfemens entsprach dem "Ausstoßen aus der Genossenschaft". Wort und Sache sind nach Auskunft der konsultierten etymologischen Literatur noch Gegenstand weiterer Aufklärung. Etwa in der Frage des Bezugs zur Strafvollstreckung, bei Begriffen wie vemen für verurteilen, strafen, oder vemestat für Richtstätte.

Das Adjektiv "feminin" hat eine gänzlich andere Genealogie. Es ist vom lateinischen feminus entlehnt und kommt vom lateinischen Wort femina (Frau). *fe-mna-ist wörtlich die, die säugt. Die Silbe *fe-entspricht dabei dem protoindoeuropäischen *dhe(i)-, säugen, hervorbringen. Aus derselben Wurzel kommen bekannte lateinische Wörter, etwa fetus (Brut, Nachkommenschaft) oder filia, filius (Tochter, Sohn), assimiliert von *felios (Säugling), der gestilltermaßen felix (glücklich) ist. Wir wollen schließen mit einem verfemten Wort aus dieser Gruppe, der beliebten Sexualpraktik Fellatio, welche nicht unerwartet von fellare (saugen) kommt.


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