Komm doch rein, es ist offen!

Open House Wien macht besondere Bauten der Stadt am Wochenende kostenlos zugänglich

Vorschau: Nicole Scheyerer | aus FALTER 37/15 vom 09.09.2015


Foto: Patrizia Gapp

Foto: Patrizia Gapp

Wer verschlingt sie nicht im Geheimen, die sogenannten Homestorys, die uns die Pforten der Domizile von Schön und Reich öffnen? Auch in den Immobilienteilen von Tageszeitungen finden sich regelmäßig Artikel, in denen Leute über ihre ganz spezielle Art zu wohnen Auskunft geben; im Fernsehen laufen derartige Sendungen gut eingebettet zwischen Bauspar- und Baumarktwerbung.

Voller Neugierde stehen wir vor verschlossenen Türen: Die Veranstaltung Open House Wien will diese Lust auf Einblick befriedigen und sperrt an diesem Wochenende erneut 82 besondere Bauten für Besucherinnen und Besucher auf.

In anderen Städten ist das Event, das in Wien 2014 sein Debüt feierte, bereits lange ein Renner. Die Idee wurde 1992 in London geboren, wo die Architektin Victoria Thornton der Bevölkerung Architektur und Design vermitteln wollte. Erfreulicherweise ist die als Non-Profit-Organisation gegründete Initiative, die mittlerweile in 32 Städten weltweit stattfand, ihren Zielen treu geblieben. Auch Open House Wien findet kostenlos und ohne Anmeldung durch die Mitarbeit freiwilliger Begleiterinnen und Begleiter statt.

Etwa das Palais Ferstel. Man kennt zwar das Café Central und ist schon einmal durch die Passage spaziert, die von der Herrengasse aufs Lugeck führt, aber der Generalsitzungssaal im zweiten Stock ist normalerweise verschlossen. Und wer weiß schon, dass dieser Bau ursprünglich die Börse beherbergte und einen fast dreieckigen Grundriss hat?

In einem Hinterhof auf der Wieden steht der angeblich älteste Profanbau Wiens. Die ältesten Mauern der Heumühle wurden im 14. Jahrhundert errichtet; seit der Sanierung 2008 nutzt ein Unternehmen das Gebäude. Im Garten des Fuhrwerkerhauses auf der Penzinger Straße steht eine Rarität: Das Salettl aus der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde samt handgedrechselten Rosetten und Mosaikboden aufwendig restauriert. Der Wasserturm in Favoriten lockt durch seinen orientalischen Touch. Eine 203 Meter lange, spiralförmige Rampe und eine Wendeltreppe im Inneren führen vom Wasserspeicher hinauf zu einem tollen Wien-Panorama.

Eine Institution stellt der Bridge Club nahe der Urania dar, dessen Ausstattung kein Geringerer als Adolf Loos besorgte, allerdings seinerzeit als Wohnung für Emil Löwenbach. Grün-grauer Marmor oder eine Schiebetür aus asiatischem Zitronenholz und Türen mit eleganten Messingdrückern stellen nur einige Details der 1913 entworfenen Ausstattung dar.

Die historischen Gemäuer stellen jedoch die Minderheit bei Open House Wien dar. Die offenen Gebäude wurden vorrangig in den letzten 50 Jahren errichtet, wobei ein Schwerpunkt auf jüngerem Wohnbau liegt.

Die Vielfalt der 35 Wohnarchitekturen reicht vom Karl-Marx-Hof bis zum neuen Einfamilienhaus, vom Neunerhaus, das obdachlosen Menschen ein Zuhause gibt, bis zu energieoptimierten Dachbodenausbauten, wie Roofjet und Prater Apartments. Den Ausblick vom 21. Stock des Hochhauses Kundratstraße hat Open House ebenso im Angebot wie die schicke Atmosphäre eines Neubaus in der Schrebergartensiedlung Klein Brasilien in Wien 22.

Für temporäres Wohnen sind Hotels verantwortlich. Diese nicht so leicht rundum zu besichtigenden Objekte sind etwa mit dem 25hours Hotel vertreten, in dem jedes Zimmer nach einem anderen Thema gestaltet ist. Die Tore des altehrwürdigen Hotel Imperial stehen ebenso offen wie das von der Caritas betriebene Projekt Magdas Hotel, in dem auch Flüchtlinge unterkommen und Asylwerber arbeiten.

Führungen für Kinder zwischen sieben und zwölf stehen auch auf dem Programm. Den Nachwuchs werden vielleicht vor allem die Kindergärten und Schulen interessieren. Allerdings könnte ein Besuch im Robbiton Haus der Wiener Kinderfreunde schon neidisch machen. Jeden Tag in einem von Kindern mitgestalteten Häuschen aus Lehm und Heuballen spielen zu können und auf dem Dach noch einen Garten zu bepflanzen muss toll sein.

Auch andere Gebäude faszinieren durch ihre Bautechnik und ihren nachhaltigen Ansatz, etwa das Erste Wiener Strohhaus im sechsten Bezirk, in dem die Architekten aus Restfläche echte Nutzfläche geschaffen haben. Ganz auf Radler eingestellt ist die erste Wiener „Bike City“, wo das Leben mit dem Drahtesel integraler Bestandteil der Wohnplanung war, etwa durch extrabreite Gänge und Stiegen.

Für Extremwettersimulation sorgt der 120 Meter lange Klima-Wind-Kanal, eine Anlage, in der Fahrzeuge auf ihre Stabilität getestet werden. Neben Büros, Künstlerateliers und Lofts gehören auch Sakralbauten zum Programm. Die Neuapostolische Kirche in Wien 14 verdankt einem neuen Werkstoff ihre helle Erscheinungsweise, und in der Kapelle am Friedhof der Namenlosen wird seit 1935 für „Opfer der Donau“ gebetet. F

Open House Wien, Sa, z.T. auch So ab 10.00 Information: www.openhouse-wien.at

Alle Termine zu “Open House Wien 2015” gibt’s hier im FALTER-Eventprogramm!


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