Buch der Stunde

Der Mensch, das Schwein und ihre Ähnlichkeiten

Feuilleton | Thomas Leitner | aus FALTER 38/15 vom 16.09.2015

Nah und fern zugleich: Das Leitmotiv, mit dem der an der Humboldt-Universität lehrende Wiener Philosoph Thomas Macho das Verhältnis von Tier und Mensch kennzeichnet, beschrieb bisher auch die Beziehung des Autors zu seiner Heimatstadt.

Das ändert sich erfreulicherweise, wenn Macho ab März 2016 die Leitung des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK) übernimmt.

Zu seinen vielfältigen Interessen gehört schon länger auch das Schwein, auf das er vor Jahren als Ausstellungskurator kam. Insofern lag es für die Herausgeberin der Reihe "Naturkunden" bei Matthes & Seitz nahe, ihn dazu zu Wort kommen zu lassen.

Mit der spielerischen Leichtigkeit des Kulturwissenschaftlers durchstreift Macho die Jahrtausende der delikaten Beziehung zwischen Mensch und Schwein. Der Untertitel "Ein Portrait von Thomas Macho" beunruhigt ob der Zweideutigkeit. Der Autor ist sich bewusst, dass sich das bei keinem anderen Tier aufgedrängt hätte. Hängt die Ambivalenz zum Objekt mit dem prekären Verhältnis des Menschen zu sich selbst zusammen?

Irritierend ist vieles an dieser Symbiose: Einerseits ist das Schwein das einzige Haustier, das ausschließlich um des Verzehrs willen gehalten wird, auf der anderen Seite heimelt es uns auf unheimliche Weise an. Seine Stimme etwa setzt es sozial zu Rottengesängen und Wiegenliedern ein, in Todesangst gemahnt sie schauerlich an Schreie kleiner Kinder.

Selbst sein Odeur lässt sich vergleichen. Jedenfalls berichten Zeitzeugen, dass der Geruch, der nach dem Dresdner Feuersturm tagelang die Ruinen durchwehte, beklemmende Assoziationen erweckte. Ob die Tabuisierung des Schweinefleischgenusses auch auf solch makabre Ähnlichkeit zurückzuführen ist und die Rückkehr vom Tierzum Menschenopfer verhindern soll?

Auch heiterere Aspekte kommen nicht zu kurz, von der bei Plutarch erwähnten Weigerung der Gefährten des Odysseus, sich von Schweinen in Menschen zurückverwandeln zu lassen, bis zur kurzzeitigen Mode der Schoßschweinchen.


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