Ohren auf Jazz mit Afro

Einen Drink für die Maus? Sonny holt die Flöte raus

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 38/15 vom 16.09.2015

Gebt mir eine Bassline, der Rest wird sich finden." Das Bonmot ist zwar nicht wirklich verbürgt, könnte aber fraglos von Miles Davis stammen. Ende der 1960er-Jahre hatte der Trompeter sich zum Entsetzen der Jazzpuristen einer Autoelektrifizierung unterzogen und die Balance seiner Band in den Folgejahren in Richtung Rhythmusgruppe verschoben; eine Entwicklung, die Mitte der Seventies mit den legendären Japan-Alben "Agartha" und "Pangea" ihren Höhepunkt erreichte.

Auf dem soeben erschienenen Mitschnitt "Live in Tokyo 1975" (Hi Hat, 2 CDs) bilden die hypnotisch-minimalistischen Bass-Mantras von Michael Henderson das Epizentrum der bis zu 20 Minuten langen Stücke. Die Gitarristen Reggie Lucas und Pete Cosey kümmern sich arbeitsteilig um unermüdliches Wah-Wah-Geschraddel und erhaben-heroisches Noodling; Drummer Al Foster und der zu Ehren einer nach ihm benannten Miles-Komposition gelangte Perkussionist James Mtume sorgen für einen Groove, der durchaus nicht auf Unerbittlichkeit fixiert ist: Das von Sonny Fortunes Flöte getragene "Maiysha" balanciert souverän zwischen Funkiness und Fluffigkeit. Falls der Maus auf dem Mars mal nach Campari ist: "Maiysha" is the track to play.

Herbie Hancock hat die Plug-in-Phase von Miles begleitet, seit ihm dieser 1968 ein Fender Rhodes spendiert hat, ein Jahr später ist er aber schon wieder ausgestiegen. Obwohl sein laut CD-Info aus acht Personen bestehendes Septet drei Bläser und keine Gitarristen verzeichnet, ist der von 1973 stammende Radiomitschnitt "Live at the Boston Jazz Workshop" (Hi Hat) demjenigen von Miles Davis konzeptuell ziemlich ähnlich - bloß dass die nur zwei Stücke (40 und 20 Minuten) wesentlich weniger straff organisiert sind und den Solisten viel mehr Raum lassen: Free-Jazz-Funk-Fusion mit der Lizenz zu temporärer Orientierungslosigkeit.


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