"Eine ungeheure Experimentierlust"

In der Druckgrafik-Schau von Edvard Munch fordert die Albertina den Bildvergleich heraus

Lexikon | VORSCHAU: NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 38/15 vom 16.09.2015


Foto: Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich

Foto: Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich

Eine Schau von Edvard Munch in der Albertina? Das hatten wir doch schon! Tatsächlich hat das Museum nach seinem Umbau 2003 mit dem nordischen Kassenschlager wiedereröffnet. Wurde aber damals eine Blockbusterschau mit vielen Gemälden gezeigt, so kommt nun der Druckgrafiker Munch (1863–1944) zu vollen Ehren.

Dank der umfangreichen Kollektion eines privaten Leihgebers kann die Ausstellung „Edvard Munch. Liebe, Tod und Einsamkeit“ durch das immense Werk an Lithografien, Radierungen und Holzschnitten führen. Aber warum hat der skandalträchtige Maler, der in den 1890er-Jahren bereits erfolgreich war, überhaupt mit dem Drucken seiner Bilder begonnen?

„Ein direkter Auslöser ist nicht bekannt, aber Munch war mit Paul Gauguins Südsee-Holzschnitt ‚Noa Noa‘ vertraut“, erzählt Kurator und Munch-Spezialist Dieter Buchhart, der den Norweger zu den wichtigsten Grafikern der Kunstgeschichte zählt. „Da er immer Schulden hatte, dürfte er sich durch eine größere Auflage auch finanzielle Hoffnungen gemacht haben. Aber seine Arbeiten waren dann doch wieder zu avantgardistisch, um Käufer zu finden.“

In der Tat waren Munchs Drucke alles andere als leicht zugänglich, schon allein, weil die meisten Schwermut und Verzweiflung zeigen. Zu seinen frühen Lithografien zählt etwa „Selbstporträt“ von 1895, das bei genauer Betrachtung seine gruselige Pointe offenbart.

Der vergeistigte Kopf des psychisch gebeutelten Künstlers, der nie über den frühen Verlust seiner Mutter und seiner Lieblingsschwester hinwegkam, scheint vor dem schwarzem Bildhintergrund wie zu schweben. Die schwarz-weißen Linien am unteren Bildrand werden schließlich als Knochenarm erkennbar.

Zwei Jahre zuvor hatte Munch ein Schreckensbild gemalt, das zum Emblem für den Horror des 20. Jahrhunderts wurde. Eine der Entstehungstheorien besagt, dass „Der Schrei“ von einem Albtraum herrührte. Eine andere These sieht einen Museumsbesuch mit seinem Kollegen Gauguin als ausschlaggebend, wo der Maler einen Inka-Mumienschädel mit weit geöffnetem Mund sah. Als Lithografie in Schwarz-Weiß wirkt Munchs auch „Geschrei“ genanntes Bild sogar noch markanter als mit rotem Himmel.

„Es ist faszinierend zu sehen, mit welcher ungeheuren Lust Munch in der Druckgrafik experimentierte“, sagt Buchhart zu der jetzigen Auswahl. „Er hat Probedrucke mit der Hand gemacht und auch handkoloriert. Auf Basis dieser Ergebnisse gab er den Druckern Anweisungen.“ Eine der wesentlichsten Leistungen stellt für den Kunsthistoriker das Hervorheben der Holzmaserung der Druckplatte dar. Der Bilduntergrund verliert so seine Neutralität und wird Teil des Bildes – eine überaus moderne Strategie. Die auf diese Weise verewigten Jahresringe eines Baumes können darüber hinaus als künstlerische Fusion von Natur und Kultur gelesen werden.

Viele der 120 Ausstellungsstücke sind Unikate, weil Munch die Drucke übermalt hat oder durch sparsamen Farbauftrag bewusst für Variationen sorgte. Der Künstler studierte auch die Beschaffenheit des Holzes und setzte Unebenheiten auf den Platten ein.

Werden, Begehren und Vergehen prägen Munchs „Lebensfries“, ein Programm, das er zeitlebens verfolgt hat und das nun im Fokus steht. Dabei strebte er nach der Darstellung sämtlicher Stadien des Lebens, von der Empfängnis über die Geburt, Kindheit und Jugend bis zu Liebe und sexuellem Trieb sowie Alter, Einsamkeit und Tod.

Zu den außergewöhnlichsten Arbeiten zählt hier zweifellos sein provokantes Bild „Madonna“, das eine nackte Femme fatale mit roter Baskenmütze – damals Huttracht der Pariser Prostituierten – zeigt. Während Munch für das Gemälde einen Bilderrahmen mit Spermien und einem im Eck kauernden Embryo schnitzte, wurde bei der Farblithografie die Rahmung teils verwendet, teils weggelassen – freilich mit beachtlichem Unterschied in der Interpretation des lasziven Aktes.

Das ambivalente Frauenbild Munchs, das für den Symbolismus aber typisch ist, gibt auch sein unheimliches Werk „Vampir“ preis. Darin beugt sich eine Frau über einen offensichtlich bei ihr Zuflucht suchenden Mann. Von den Beißerchen des Rotschopfs ist auf der Farblithografie allerdings nichts zu erkennen.

Frauenhaare spielen auch in den Trennungsbildern eine Rolle, wo sie wie ein Abschiedswink im Wind wehen oder den leidenden Mann verhängnisvoll erotisch zu binden scheinen. Einsamkeit und Schmerz treten in den ausdrucksstarken Holzschnitten des existenzialistischen Künstlers noch stärker als in den Gemälden hervor. Munch hat damit einen wichtigen Einfluss auf die deutschen Expressionisten wie Ernst Ludwig Kirchner oder Erich Heckel ausgeübt. Wie sie wurde ihr Vorbild Munch später von den Nazis als „entartet“
diffamiert. F

Albertina, Do 18.30 (bis 24.1.)


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