Platz für Schweineohren-Salat

Die Kiang Winebar ist -an anderer Stelle und mit echter Küche -wieder da

Stadtleben | Lokalkritik: Florian Holzer | aus FALTER 38/15 vom 16.09.2015


Grafik: studioback / Kiang Winebar

Grafik: studioback / Kiang Winebar

Vor zweieinhalb Jahren war das ja ein ziemliches Experiment: Joseph Kiang kam nach Jahren in Peking nach Wien zurück, nahm sich ein hoffnungsloses Mini-Künstlerlokal am Yppenplatz mit aufblasbarer Wanddekoration und bot hier mit seiner Frau Li Chen chinesisch-mediterranes Streetfood mit anspruchsvollen Weinen an. Ohne Küche, nur mit einer Mikrowelle, ohne Platz und ohne die leiseste Ahnung, ob so etwas in Wien irgendwer wollte.

Sagen wir so: Der Moment, um hochgradig aromatische Kleingerichte mit einer gewissen Tendenz zur Argheit zu servieren, hätte nicht besser sein können. Und die völlige Abwesenheit von Platz, der Umstand, dass
mit einem Radiator geheizt werden musste, sowie das absurde Design des Vorgängerlokals sorgten hier für eine Erlebnisdichte, für einen Groove, der an Spontaneität seinesgleichen suchte.

Lange ging das so natürlich nicht gut, beziehungsweise erwies sich das Arbeiten in der Mini-Bar als sowohl extrem strapaziös als auch wenig einträglich. Die Kiangs übersiedelten vor ein paar Wochen in ein Lokal im Servitenviertel, und siehe da: Es sieht dem alten Lokal nicht nur ein bisschen ähnlich – die weißen Wände mit der integrierten Lichtleiste –, es ist auch nur um eine Nuance größer.

Immerhin gibt es hier jetzt eine echte Küche, in der Li Chen und Mitarbeiterinnen nordchinesisches Essen kochen können. Tapasartige Kleingerichte sind nach wie vor das Hauptthema, ein paar Sachen, die man durchaus als Hauptspeisen bezeichnen könnte, gibt’s jetzt aber auch. Und zum Glück haben sich die Highlights, die schon in der Yppen-Winebar so großartig waren, nicht dramatisch verändert, warum auch.

Also gibt es nach wie vor das so genannte „Fladenbrot“ mit Grammelfülle, das einer der besten Bier-Snacks ist, die man sich vorstellen kann
(€ 3,–). Oder das tausendjährige chinesische Ei, völlig klassisch, zart nussig, aber halt um einen Deut ärger, als man es im herkömmlichen China-Restaurant gewohnt ist.

Der Quallensalat mag sogar der beste der Stadt sein, so unglaublich knackig und eigentlich auch richtig scharf, herrlich (€ 5,20). Oder die „Chinesischen Burger“, die hier unter anderem mit einem zerfallenden Ragout vom Schweinebauch – heute gemeinhin als „Pulled Pork“ bekannt und beliebt – sowie Frühlingszwiebeln gefüllt sind (€ 8,80). Oder der Schweineohrensalat, meine Güte, ist der knackig! Oder der Schweinefuß, mit den fünf chinesischen Gewürzen zu einer aromatischen Mischung aus Schlurz und Knochen gegart (€ 5,80). Oder die Kutteln, hinreißend mariniert und mit nudelig geschnittenem Kraut zu einem Salat vermengt – von kommentierenden Kuttel-Gegnern („wie der Mundgeruch eines alten Mannes“) darf man sich da nicht abbringen lassen.

Wahnsinnig gut, das alles. Das Servitenviertel erwacht aus seinem Dornröschenschlaf.

Resümee:

Joseph Kiang und Li Chen führen ihr niederschmetternd lässiges Streetfood-Konzept weiter, allerdings mit ein bisschen mehr Platz.

Kiang Winebar,
9., Grünentorg. 19
Tel. 0664/515 36 33,
Di–Sa ab 15 Uhr


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