Selbstversuch

Unser Bestes wird letztlich nicht reichen

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 38/15 vom 16.09.2015

Ein paar Tage an einem der Bahnhöfe, und es ist ziemlich schwer, den Kopf wieder luftig zu bekommen. Man sitzt an einem perfekten Spätsommertag in einem herrlichen Garten: Vöglein zwitschern, Fischlein springen, saftige Äpfelein fallen einem vom Baum direkt in den Mund. Im Kühlschrank hätte der Sprudelwein genau die richtige Temperatur, und die ganze Zeit denkt man sich nur: Ich sollte hier nicht sein. Ich sollte an einem der Bahnhöfe sein und dort etwas Sinnvolles tun. Ständig schaut man heimlich in sein Smartphone-Facebook, wie es an den Bahnhöfen ausschaut. Ständig verfolgt man in den Medien, wieviele Flüchtlinge schon wieder über die Grenze gekommen sind.

Also übergibt man die Teenager in die Verantwortung anderer, fährt zurück in die Stadt und wieder zum Bahnhof. Und dann macht man dort, was grad gebraucht wird, gemeinsam mit hunderten anderen, die das auch tun. Es ist gar nicht so befriedigend, wie immer alle tun. Es sind Lappalien, die man da macht, für sich gesehen unwichtig. Aber es ist wichtig. Irgendwer muss es tun. Bevor man zum ersten Mal dorthin zum Hauptbahnhof gegangen ist, war man sich nicht so sicher: Wird man da wirklich gebraucht?

Dann fuhr man zum Hauptbahnhof, wo alles aussah wie immer, ging durch die riesigen Hallen, in denen nicht mehr Menschen zu sehen waren als sonst auch, dann ging man, wie im Plan beschrieben, vor zum Bahnsteig 11 und dann den Bahnsteig 11 entlang. Zwei, drei vereinzelte Reisende standen dort mit ihren Trolleys herum, nichts Ungewöhnliches, keine Flüchtlinge, sodass man schon zu vermuten anfing, man habe sich verlaufen, sei ganz falsch, müsse den ganzen endlosen Weg wieder retour gehen. Dann kam einem ein Mann mit einem Megafon entgegen und man hörte aus der Ferne, da, wo eine Treppe hinunterführt, Stimmengewirr. Und als man dort ankam und die Treppe hinunterging und sah, was dort los ist, wusste man schlagartig: Ja, man wird hier gebraucht. Jeder wird hier gebraucht. Also suchte man sich einen Verantwortlichen, ließ sich für irgendwas einteilen und tat dann dort sein Bestes.

Das Problem ist, dass unser Bestes, das Beste aller Freiwilligen, letztlich nicht reichen wird. Diese Freiwilligen versorgen, verpflegen, trösten, helfen, unterstützen, spenden und arbeiten jetzt seit zwei Wochen Tag und Nacht, sie geben alles, aber ewig kann das so nicht weitergehen. Die Zivilgesellschaft, die gerade zu Recht so gefeiert wird, kann das letztlich nicht allein stemmen. Vor allem: Sie sollte das auch nicht allein stemmen müssen. Man wünschte sich, der Staat würde endlich seine Pflichten wahrnehmen; wenn man nicht gleichzeitig mit Grund fürchten müsste, dass der Staat das dann wieder auf eine Weise tut, für die man sich schämen muss, die das zerstört, was die Zivilgesellschaft hier etabliert hat: einen Standard für einen anständigen, respektvollen Umgang mit Menschen auf der Flucht. Davon könnte der Staat etwas lernen, aber.


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