Antikapitalismus ist der neue Feminismus: Ibsen plus Jelinek macht "Nora3

Feuilleton | Theaterkritik: Sara Schausberger | aus FALTER 38/15 vom 16.09.2015

Nora Helmer hat den Mann und die Kinder verlassen. Jetzt steht sie im Mantel aus falschem Pelz vor dem Fabrikstor und bewirbt sich für eine Arbeit in der Textilfabrik. Nach einer feministischen Brandrede kriegt sie den Job und soll sogleich beim Betriebsfest Ibsens "Nora" spielen.

Elfriede Jelinek hat mit ihrem ersten Stück, "Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte" (1979), Henrik Ibsens "Nora oder ein Puppenheim" fortgesetzt. Der Regisseur Dusan David Parizek verbindet die zwei Dramen miteinander, Jelinek hat noch einen zusätzlichen Epilog geschrieben und daraus ist ein drittes Stück mit dem Titel "Nora³" entstanden. Die Inszenierung hatte vor zwei Jahren in Düsseldorf Premiere, jetzt wurde sie ins Volkstheater übernommen. Gut so. Stefanie Reinsperger ist eine tolle Nora, die alles kann: witzig sein und todernst. Dass die Schauspielerin und der Regisseur eine gute Kombi sind, konnte das Wiener Publikum schon im "Stück des Jahres" (Theater heute) "Die lächerliche Finsternis" am Akademietheater sehen.

Parizek beherrscht das Spiel mit dem Theater als Medium: Ibsens "Nora" wird im hölzernen Guckkasten gezeigt. Für alles andere wird die Publikumstribüne als Spielort genützt. Das macht die Zuseher zu Mittätern, die beim Betriebsfest Bier trinken und dabei zuschauen, wie sich Nora zuerst von ihrem gewalttätigen Unterdrücker-Mann (großartig grausam: Rainer Galke) befreit und dann zur Arbeiterin in einer Textilfabrik wird, die es zum Schluss nicht mehr gibt; mittlerweile wird in der Fremde produziert, wo es billiger ist. Am Ende steht die Kritik am Kapitalismus, wenn von einstürzenden Fabriksdächern und der sich ständig erneuernden Modewelt die Rede ist. Die Bühne ist ein Schlachtfeld aus Kleidern und Schuhen. Den Epilog hält Reinsperger aus dem Publikum: "Es ist egal, ob Sie Kleider oder ein Schicksal tragen. Kein Kleidungsstück ist für die Ewigkeit."

Volkstheater, Mi, Do 19.30


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