Tiere

Starmania

Falters Zoo | Peter Iwaniewicz | aus FALTER 38/15 vom 16.09.2015


Im Boulevard-Journalismus gelten zwei wichtige Regeln. Erstens: Bei der Themenwahl liegt man mit den sogenannten vier „T“ (Titten, Tiere, Tränen, Tote) nie falsch. Zweitens: Den richtigen Spin bekommen diese Storys erst durch großzügigen Gebrauch von Eigenschaftswörtern. Die gerade von den Medien gerne verwendeten Adjektive sind: gefräßig, nimmersatt, gierig, verfressen, unersättlich, schädlich. Das zur Zeit medial angesagte Tier – oder was haben Sie erwartet? – ist der Star. Der Singvogel, Sturnus vulgaris, wandert jetzt, also genau dann, wenn die Trauben reif sind, aus Skandinavien in den Süden. Weinbauern beklagen den durch die Vögel verursachten Fraßschaden und greifen zu den unterschiedlichsten Vergrämungsmaßnahmen. Denn Stare darf man aufgrund der europäischen Natura-2000-Richtlinie – wie überhaupt alle Singvögel – nicht jagen. Stattdessen gibt es allerlei originelle Versuche, diese Vögel zu vertreiben. Knallgeräte böllern jetzt vor sich hin, was Spaziergänge im Nationalpark Neusiedlersee zu einem grenzwertigen Erlebnis macht. Manchmal werden die Weingärten mit Aufnahmen von Schreien verletzter Tiere beschallt, andere Winzer setzen auf Flugdrachen, die Raubvögel imitieren sollen. Tödlich endeten (und wurden daher jetzt auch beendet) die Einsätze von kleinen, „Starfighter“ genannten Flugzeugen, die in geringer Höhe und mit waghalsigen Manövern über die Weinstöcke fliegen. Hilft alles nichts, die Stare werden durch die Ausweichmanöver bestenfalls nur noch hungriger und gewöhnen sich schnell an Lärm und Vogelscheuchen.

Sehr effizient kann man die Weinstöcke durch Netze schützen, doch das macht Arbeit und nicht so viel Spaß wie in der Nähe des ehemaligen Eisernen Vorhangs Schreckschussanlagen aufzustellen.

Ein ganz anderes Problem mit Staren hatte der Berliner Künstler Wolfgang Müller. Er konzipierte für die Galerie Katze 5 eine Ausstellung namens „Hausmusik, Stare singen Kurt Schwitters“. Daraufhin erhielt Müller vom Nachlassinhaber eine Abmahnung wegen Urheberrechtsverletzung. Denn Stare sind spottende Vögel, die fremde Klänge imitieren. Wenn sie Schwitters beim Üben seiner „Ursonate“ die Töne abgelauscht und über Generationen hinweg von Star zu Star weitergegeben hätten, dann wäre dies genehmigungspflichtig. Da unklar war, ob nicht Schwitters seinerseits bei der Komposition Elemente von Starengesang verwendet hätte, zog man die Klage zurück.


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