Mediaforschung Verführungskolumne

Weiß wie die Unschuld: Werben in Zeiten des VW-Skandals

Medien | Benedikt Narodoslawsky | aus FALTER 39/15 vom 23.09.2015

In der Mitte des Kreisverkehrs Lichtenbergplatz in Hannover singt ein weiß gewandeter Kinderchor unter einem Baum "Enjoy the Silence" von Depeche Mode. Rund um die Kinder zieht eine Armada von weißen Autos ihre Kreise. Dennoch hören die Anrainer nur den Engelschor.

Die Szene ist aus drei Gründen außergewöhnlich. Erstens, weil der Kreisverkehr in Hannover wegen des hohen Verkehrsaufkommens eigentlich sehr laut ist. Warum hört man also plötzlich einen Kinderchor? Zweitens, weil alle Autos weiß sind und es ein großer Zufall der Geschichte wäre, wenn in einem großen, zweispurigen Kreisverkehr alle Autos die gleiche Farbe haben. Da gewinnt man eher noch im Lotto.

Drittens, weil natürlich nie ein Kinderchor auf die Idee kommen würde, auf einem dichtbefahrenen Kreisverkehr Depeche Mode zu singen. Kinder singen lieber etwas von Justin Bieber. Das heißt also: Alles ist inszeniert. Nämlich für eine Werbung der neuen Elektroautoflotte von Volkswagen. Die Botschaft: So still und sauber wird es werden, wenn unsere umweltfreundlichen E-Autos kommen.

Das Video ist ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig Timing in der Werbung ist. Denn kurz nachdem VW den Spot veröffentlicht hatte, kam ein Skandal ans Tageslicht. Der Autokonzern hat in den USA Abgasmessungen bei seinen Dieselautos manipuliert. Dem Unternehmen drohen nun Bußgelder in der Höhe von 18 Milliarden Euro. Man kann die Werbung nun nur noch ironisch sehen. Ein guter Spot ist damit böser Spott geworden.


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