Kommentar Öffentliche Meinung

Hört auf mit dem seriellen Megathema-Journalismus

Falter & Meinung | Barbara Tóth | aus FALTER 39/15 vom 23.09.2015

Das Jahr 2015 wird als das Jahr in die Mediengeschichte eingehen, in dem die Empörungswellen der sozialen Netzwerke endgültig auf das allgemeine Nachrichtengeschäft übergeschwappt sind. Mit bedenklichen Folgen.

Blicken wir zurück. Zuerst war das Attentat auf Charlie Hebdo. Dann der Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine. Dann tauchte die NSA-Abhöraffäre auf. Es folgte das Drama um Griechenlands Euro-Krise mit Yanis Varoufakis als Haupt-und seinem Stinkefinger als Nebendarsteller. Letzten Sonntag wurde in Griechenland gewählt, aber das scheint uns plötzlich nebensächlich, weil wir mittlerweile im Flüchtlingskrisendauerdrama leben und lesen.

Publizisten mit geschultem Blick wie der deutsche Autor Wolfgang Michal warnen schon vor einem "monothematischen Journalismus". Die Neue Zürcher Zeitung kritisierte am Wochenende die deutsche Medienberichterstattung zur Flüchtlingswelle als distanzlos, unkritisch und kampagnenhaft. Sie taufte dieses Phänomen "Überwältigungsjournalismus". Früher hätte man vielleicht Propaganda dazu gesagt.

Das zugegeben harte Urteil aus Zürich gilt zum Teil auch für die österreichische Medienlandschaft. Aktionistischer Journalismus, der, dem Like-Button auf Facebook ähnlich, Fakten und Stimmung zugleich transportiert und überdies über Wochen nur ein Megathema kennt, reduziert unsere Sicht auf die Welt noch weiter. Wir Journalisten dürfen die algorithmusgesteuerten Mechanismen des Netzes nicht übernehmen, sondern müssen sie hinterfragen und offenlegen. Darüber zu berichten, wie andere berichten, wird immer wichtiger. Das nächste Megathema kommt bestimmt.


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