Selbstversuch

Aber süß bleiben sie ja immer

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 39/15 vom 23.09.2015

Ihr Leute da draußen, die ihr gerade zum ersten Mal schwanger seid: Ich sage euch jetzt was. Ihr glaubt, ihr bekommt Babys. Hahaha. Habe ich auch geglaubt. Glaubt jeder. Stimmt aber so nicht. In Wirklichkeit bekommt ihr riesige Teenager mit pinkfarbenen Haaren, lange Lulatsche in fetten, knalligen Sneakers, mit einem enormen Hair-Product-Verbrauch und dem Talent, auf 15 verschiedenen Arten angewidert schauen zu können, sobald die Rede auf Aufstehen kommt, Smartphone weglegen oder irgendwas helfen.

Würde man vor diesen Teenagern etwas verstecken wollen, täte man das am besten in der Spülmaschine; da schauen sie freiwillig fix nie rein. Gut, bevor sie Teenager sind, sind sie eine Zeitlang Kinder, und süß sind sie auch, aber Babys sind sie so kurz, dass man es schnell vergisst. Macht viele Fotos und Videos, denn auch ihr werdet es vergessen. Sie kommen völlig hilflos auf die Welt, sie sind putzige, kleine Brokkoliwelpen, sie glucksen, sie lächeln, sie sind unvorstellbar süß.

Nach einem Jahr rennen sie euch davon, und nach einem weiteren sagen sie euch die Meinung und rasen mit dem Laufrad über Kreuzungen. Ihr glaubt, ihr kriegt süße Säuglinge, und wie alle neuen Eltern glaubt ihr irgendwie tief drinnen, gegen euer besseres Wissen, dass die euren für immer süße Säuglinge bleiben werden, aber ihr täuscht euch sehr. Wenn man Kinder hat, ist jeder Tag Wunder, Überraschung, Glück und ein bisschen traurig, weil sie einen jeden Tag ein bisschen verlassen, weil sie jeden Tag morgen nicht mehr genauso sein werden wie heute. Nicht mehr exakt so toll wie heute.

Sie sind dann natürlich anders toll, und weil es eure sind, bleiben sie auch für immer süß. Und sie lernen auch jeden Tag neue Sachen, und mitunter sind das vernünftige, brauchbare und sogar nette.

Sie machen nur halt auch Zeug, das man irgendwann nicht mehr versteht, aber das gehört so. Merkwürdige Musik hören, interessant tanzen, stundenlang das Badezimmer okkupieren, einen immerimmerimmer, wenn man das Haus verlassen will, zehn Minuten warten lassen oder, wenn man in einem Auto fährt, angesichts eines gelben Autos sofort dem nächstbesten mitreisenden Teenager eine reinhauen, und der Teenager, der eine reingehaut bekommen hat, muss ordentlich brüllen und Wirbel machen, das geht jetzt schon seit Jahren so. Das kann für die Chauffeurin des Fahrzeugs zu einer gewissen Belastung werden, besonders, wenn viele Postautos unterwegs sind. Eins bleibt jedenfalls immer gleich: Am süßesten sind sie, wenn sie friedlich schlafen.

Apropos junge Menschen: Seit ich manchmal am Hauptbahnhof beim "Train of Hope" mithelfe, mache ich mir um die Welt nicht mehr so viele Sorgen. Die 18-, 20-, 24-Jährigen, die ich dort kennenlerne, machen mir große Hoffnung und ein gutes Gefühl für die Welt und ihre Zukunft. Egal, wie schlimm es wird, diese Jungen sind da, sie stellen sich hin, sie zeigen Haltung und sie kümmern sich.


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