Neue Bücher

Romane übers hohe Alter

Feuilleton | aus FALTER 39/15 vom 23.09.2015

Sie beobachte, schreibt Ilse Helbich, wie mit dem allmählichen Schwinden des Augenlichts auch "mein Sinn für das Wirkliche als das Sichtbare sich mehr und mehr verflüchtigt". Der Vorgang ist eine der vielen "Schmelzungen", die dem neuen Buch der Wiener Schriftstellerin seinen Titel geben. Es handelt sich um ein Mosaik glasklarer, völlig unsentimentaler Selbstbetrachtungen, so kurz und lakonisch wie sie nur sein können. Helbichs Thema ist das Ineinanderfließen der Erscheinungen, die das hohe Alter mit sich bringt: Erinnern und Vergessen, Diesseits und Jenseits, Traum und Wirklichkeit.

Die Autorin ist fast 94, ihr erster Roman "Schwalbenschrift" erschien, als sie 80 war. Seither hat sie Jahr um Jahr schmale Bücher mit hochkonzentriertem Inhalt vorgelegt, in denen Erinnerung und Alter die Hauptrollen spielen. "Schmelzungen" erzählt vom Hochseilakt des Greisenalters, wo die Existenz kostbar wird. Mit Ilse Helbich kann man Altern lernen. JK

Als schrille Komödie inszeniert Piersandro Pallavicini das hohe Alter in seinem Roman "Erben auf Italienisch". Im Mittelpunkt der Geschichte steht der betagte Käsefabrikant Alfredo Pampaloni, der seine Kinder in seinem retrofuturistischen Sommerhaus empfängt, um das Erbe zu besprechen. Er habe nur mehr kurze Zeit zu leben. Seine Tochter, Chemieprofessorin und Progrock-Fan, und sein Sohn, ein windiger Kunsthändler, wollen das erst nicht glauben, war ihr Vater doch stets ein übler Scherzbold.

Der verrückte Alte, der sich immer noch kleidet wie ein Playboy in den Sixties, wie ein Loch säuft und behauptet, ein guter Freund von Gunter Sachs gewesen zu sein, wächst einem schnell ans Herz. Dass bei allem Irrwitz auch ein anrührendes Familienporträt entsteht, spricht für Pallavicinis Qualitäten. Ein kurzweiliges Lesevergnügen, das schnell verfilmt werden sollte - solange Rolf Eden noch die Hauptrolle übernehmen kann. SF


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige