"So lausig, dass ich es komisch finde"

Schauspielstar Daniel Brühl zeigt in der Komödie "Ich und Kaminski" Mut zur Peinlichkeit

Lexikon | Interview: Michael Omasta | aus FALTER 39/15 vom 23.09.2015


Foto: Filmladen

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Ein schnöseliger Kulturjournalist drängt sich einem vermeintlich blinden, zurückgezogen in den Schweizer Alpen lebenden Maler als Biograf auf. Die Begegnung der zwei nicht allzu sympathischen Zeitgenossen, die Daniel Kehlmann in seinem Roman „Ich und Kaminski“ verewigt hat, steht auch in Wolfgang Beckers gleichnamigem Kinofilm keineswegs für den Anfang einer wunderbaren Freundschaft, sondern ist der Auftakt zu einem schelmischen Roadmovie mit großer Besetzung.

Daniel Brühl, der mit Beckers „Good Bye, Lenin!“ (2003) zum Star und absoluten Darling des deutschen Films wurde, ist hier bewusst gegen den Strich besetzt. Dass es zwölf Jahre dauerte, bis man erneut zusammenarbeitete, so Brühl, liege am „barocken Tempo“ des Regisseurs.

Zuletzt sah man Daniel Brühl etwa als Niki Lauda in „Rush“ und als Publizist Hubertus Czernin im Restitutionskrimi „Woman in Gold“.

Falter: Wie geht es Ihnen so als halber Österreicher, Herr Brühl?

Daniel Brühl: Ich hätte echt nie gedacht, dass mir diese Rollen angetragen werden (lacht.) Da kam mir schon zugute, dass das internationale Produktionen waren und Regisseure mit einem Blick von außen – ein deutscher hätte das nicht getan, und einer aus Österreich erst recht nicht. Die treibende Kraft bei „Rush“ war Peter Morgan, unser wunderbarer Drehbuchautor, der mich beim ersten Casting allerdings schön auflaufen hat lassen. Es lief nämlich ganz gut, ich wurde immer lockerer und schließlich wollte ich Regisseur Ron Howard auch noch gleich mit meinem selbstgebastelten Fantasie-Österreichisch beeindrucken, als Peter mir in perfektem Wienerisch zu verstehen gab: „Du, der Akzent ist Schwachsinn.“ Da war ich wieder so klein mit Hut.

Fällt es Ihnen leicht, Dialekte zu lernen?

Brühl: Mir macht das total Spaß. Ich bin in Köln und in Barcelona aufgewachsen, und dann haben wir noch so angeheiratete Familie aus Frankreich – bei uns daheim wurden alle möglichen Sprachen gesprochen.

Sie können sich also meist auch selbst synchronisieren?

Brühl: Schon, aber ohne dialect coach, ohne Susi Stach, hätte ich das nicht gepackt. Man spielt in einer anderen Sprache ja auch ganz anders. Der Tonfall, der Klang, gerade hier in Wien, aber auch dieser Akzent, den Niki hat, bringt schon eine gewisse Charakterhaltung mit: eine leichte Arroganz und dieser giftige Humor. Würde ich hochdeutsch sprechen, wär das so trocken – das würde alles wegfallen.

Böser Humor, gutes Stichwort: „Ich und Kaminski“ handelt eigentlich von zwei Gaunern, die sich gegenseitig übers Ohr hauen wollen, oder?

Brühl: Absolut. Das sind zwei narzisstische Arschlöcher, die sich da treffen, und jeder denkt, er ist schlauer als der andere. Ganz am Ende muss ich – sprich: Sebastian Zöllner – freilich feststellen, dass Kaminski nicht nur ein paar Jährchen älter, sondern vielleicht auch der bessere Trickser ist.

Wie viel Empathie brauchen Sie für so einen unguten Typ, um ihn spielen zu können?

Brühl: Ich hatte keine Berührungsängste, ich hatte Mitleid mit dieser Figur! Schon beim Lesen des Romans dachte ich: „Der arme Jung, det is ne Wurst.“ Übrigens find ich das eine sehr moderne Figur, die kenne ich auch aus Berlin, da stranden die nämlich gerne mal. Die sind immer kurz davor, den genialen Roman zu veröffentlichen oder ein irres Drehbuch rauszuhauen, nur kriegst du es halt nie zu lesen. Echte Blender – von deren Selbstbewusstsein würde ich mir manchmal gern ein Scheibchen abschneiden.

Zöllner ist nie Herr der Lage. Einmal überlegt er gar loszuheulen, um seine Freundin freundlich zu stimmen. Was halten Sie von dieser Taktik?

Brühl: Das ist so mies, so lausig, so Mitleid erregend, dass ich es zutiefst komisch finde.

Emotionaler Höhepunkt des Films ist das Wiedersehen von Kaminski mit seiner Jugendliebe, eine mindestens so tragische wie komische Szene.

Brühl: Stimmt, wobei ich selbst da fast keinen Dialog und wenig mehr zu tun habe, als Geraldine Chaplin und Jesper Christensen zuzuschauen.

Lernt man dabei von so erfahrenen Kollegen?

Brühl: Auf jeden Fall. Ich habe ja schon einmal mit Geraldine gedreht – und mit Jane Fonda. Das war fast ein traumatisches Erlebnis für mich. Wir hatten Abendessen, und die plapperten so drauflos über ihr Leben. Irgendwann kam die Rede auf Spanien, ob ich dort zum Stierkampf gehe, und dann sagte Jane Fonda: „Ach, war ich auch mal. Da saß ich bei Ernest auf dem Schoß.“ Und Geraldine erzählte, dass sie immer, wenn sie Hausaufgaben abschreiben durfte, ihren Klassenkameraden versprochen hat, dass sie Charlie sehen dürfen bei ihr zu Hause. Lauter solche Geschichten! Ich kam mir so furzlangweilig vor – das allein war schon eine unglaubliche Lektion.

„Ich und Kaminski“ läuft ab 25.9. in den Kinos


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