Selbstversuch

Ja, irgendwas um die 30 Prozent

Doris Knecht fürchtet sich nicht

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 40/15 vom 30.09.2015

Was man nicht tun sollte: sich bei diesem Herbstmischwetter zu warm, zum Beispiel den neuen Anorak anziehen, dann am Abend beim Radfahren ur schwitzen, dann den Anorak ausziehen und im Leiberl ins Wetter radeln; also ins Restaurant.

Danach radelt man ein paar Tage nicht, sondern liegt schnäuzend und hustend im Bett oder am warmen Ofen und muss bei einer Lesung warmes Wasser trinken und die Leute bitten, sich lieber nicht in die ersten Reihe zu setzen, außer sie wollen es einem gleichtun.

Im Wetter trifft man ganz zufällig Menschen, die man schon seit Jahren nicht gesehen hat, Schweizer Menschen nämlich, aus der Zürich-Zeit, und das ist sehr nett. Es ist auch ein bisschen uhuhu, weil man bei der Gelegenheit überschlägt, wie lange die schon her ist, diese Zürich-Zeit, und es sind 15 Jahre. Als würde das nicht genügen, dass man sich alt fühlt, feiert auch noch das Flex 20. Geburtstag, wozu man herzlich gratuliert und keine Veteranengeschichten auspackt, denn es wird hier munter in die Zukunft geblickt.

Soweit das nach den Wahlen in Oberösterreich möglich ist. Wobei ich zu den wenigen gehöre, die sich vor der Wien-Wahl nicht komplett in die Hosen scheißen. Ja, die Rechten werden irgendwas um die 30 Prozent machen. Nein, Strache wird nicht Bürgermeister, denn wir anderen, die wir nicht rechts und ichsagjetztnichtwas sind, werden zusammen immer noch zwischen 65 und 70 Prozent haben, und das wird reichen, um dieses Wien, in dem es kaum jemandem wirklich schlecht geht, zu beschützen. Mit diesem Wunsch steht man derzeit nicht allein. Gepaart mit dem Umstand, dass die Wiener Roten in der Flüchtlingskrise wirklich gute, richtige, mutige Politik gemacht und, allen voran die Leute um den Flüchtlingskoordinator Peter Hacker, ganz großartige Arbeit geleistet haben, führt er, höre und bemerke ich, offenbar dazu, dass bei dieser Wahl viele Leute, die bisher grün gewählt haben, nun rot wählen wollen. Das ist ein verständlicher Reflex.

Natürlich gibt es in dieser Kolumne auch diesmal keine Wahlempfehlungen, aber für mitunter ruppige Denkanstöße aller Art ist sie ja weithin berüchtigt. Deshalb stelle ich hier jetzt den Gedanken ab, dass die rot-grüne Koalition und die daraus resultierende ganz schön konsequente Politik dieser Stadt, kann man sagen, schon sehr gutgetan haben. Dafür braucht man nicht immer nur die Mahü zu bemühen.

Also ich hätte das gern weiterhin, und ich glaube, dass Rot-Grün die beste Barriere gegen Blau und Blau-Schwarz ist. Ich finde auch den Wiener Wahlkampf diesmal ganz erträglich: ein klarer (manchmal, siehe ÖVP, direkt putziger) Klientel-Wahlkampf, in dem die Mitte-und-links-Parteien mehr oder weniger vernünftige Versprechungen machen und nicht versuchen, rechte Wähler mit argen, rechten Ideen zu ködern. Weil man offenbar begriffen hat, dass das ohnehin nichts bringt, weil sie trotzdem Strache wählen.

Lacht mich aus, aber ich glaube, es wird nicht so schlimm in Wien.


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