Herausforderung: Schauspielhaus eröffnet mit Tankred Dorsts "Merlin"

Steiermark | Theaterkritik: Hermann Götz | aus FALTER 40/15 vom 30.09.2015

Rund 15 Stunden würde es dauern, Tankred Dorsts "Merlin oder das wüste Land" ohne Striche in Szene zu setzen, am Schauspielhaus Graz sind es vier. Das Unterfangen, aus dem Monumentaldrama einen einfachen Theaterabend zu destillieren, ist bereits ein Auftrag für sich. Bei der Spielzeiteröffnung stand im Fokus aber die Frage: Wie tickt das Haus unter Neo-Intendantin Iris Laufenberg? Eines scheint gewiss: Die neue Leitung liebt Herausforderungen. Und zwar für Ensemble wie Publikum.

Dorsts Dramatisierung des Artus-Stoffes ist nicht nur formal ein Koloss, sie testet die Grenzen der erzählerischen Potenz von Theater. Die im Mittelalter mythenhaft entworfene Kunstsage vom Erlöserkönig Artus wird da als fett orchestrierter Abgesang auf Politik und Utopie gestaltet.

Das Stück kehrt die apokalyptische Schlagseite des Stoffes zuoberst, der Untergang des Artusreiches meint das Ende der Menschheit. Doch wie damit umgehen? Regisseur Jan-Christoph Gockel jagt das durch Michael Pietsch und seine wunderbaren Puppen verstärkte Ensemble durch das ganze Repertoire an aktuellen Inszenierungskniffen, ohne zwischen pathetischen Licht- und Soundstimmungen, ironischen Brüchen, Livesongs und Puppenspiel wirklich eine Linie zu finden. Er löst - siehe oben - eine Aufgabe. Sein bester Coup: Julia Gräfner als Parzival. Überhaupt bot das Ensemble, das sich zahllose Rollen teilt, nach verständlicherweise angespanntem Start eine beglückend starke Performance. Und erntete gemeinsam mit dem anwesenden Autor viel freundlichen Applaus.

Schauspielhaus, Graz, nächste Vorstellung: Mi 19.00


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