Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Talente

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 40/15 vom 30.09.2015

Nichts ist schöner, als dem Publikum den nackten Hintern zu zeigen. So oder so ähnlich muss der Mensch gedacht haben, der das Cover von Falter 49/1995 gestaltete. Bei näherem Hinsehen kann man entschlüsseln, was sich die Redaktion dachte: Gigantenringen.

Zum Beispiel die SPÖ. Sie verpasste dem Vorsitzenden Franz Vranitzky auf dem Parteitag einen kleinen Denkzettel und ersetzte Geschäftsführer Josef Cap durch Brigitte Ederer. Ein junges Talent namens Dietmar Ecker wurde "ihr erster Offi zier". Im Bericht Bernhard Odehnals bezeichnete Ederer ihn als "ein großes politisches Kommunikationstalent". Längst nutzt er es als Chef seiner PR-Agentur.

Odehnal führte auch mit dem abtretenden Geschäftsführer Josef Cap ein kurzes Gespräch, das er so einleitete: "Der Falter versuchte Josef Cap an seinem letzten Tag als SPÖ-Geschäftsführer eine konkrete Aussage zu entlocken."

Das Gespräch, eines der kürzesten in der Falter-Geschichte, beschränkte sich auf die Frage, wie viele Prozent jener 63.000 Vorzugsstimmenwähler, mit denen Cap seine Karriere begründet, ihm heute wohl gram wären. Wohl etwa 40 Prozent, unter ihnen zahlreiche Falter-Leser, war Caps doch recht präzise Vermutung.

Noch mehr Sozialdemokratie. Der Filmemacher Franz Novotny ist einer der talentiertesten komischen Autoren des Landes, jammerschade, dass er nicht mehr schreibt. Anlässlich des Dokumentarfilms "Vorwärts" von Susanne Freund über eine SPÖ-Sektion lieferte er eine Analyse des politischen Komunikationsverhaltens der SPÖ.

Novotny: "Die SP, speziell ,die Leute drinnen', muss erkennen, dass das klassische PR-und Selbstdarstellungssystem so nicht mehr funktioniert. Die mangelnde Geschlossenheit des Produkts erschwert die Inszenierung. Wenn ein Haufen Depperter Politiker in Verlegenheit bringen kann (Pauperisierungsängste des Kleinbürgertums und die internationale Ausländerangst des Lumpenproletariats), dann müssen diese Politiker lernen, Depperte und vor allem Medien zu bedienen."


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