Kunst Tipp

Die Ritzspuren von Kulturtouristen um 1800

Lexikon | NS | aus FALTER 40/15 vom 30.09.2015

Eine Gruppe älterer Herrschaften singt und tanzt bei der Feldarbeit. Mit ihren bunten Sonnenhüten in der saftig-grünen Umgebung bilden sie einen Kontrast zu den nachfolgenden Schwarz-Weiß-Filmsequenzen von Steingräbern, sogenannten "Dolmen". Für die Busan Biennale 2012 hat der Künstler Simon Wachsmuth in Südkorea diese Monumente aus der Jungsteinzeit, die wie gigantische Tische aussehen, dokumentiert und zu einer auf drei Screens präsentierten Videoinstallation verdichtet. Es ist eine meditative Bildreise: Wachsmuth bringt die Steinkolosse mit den fröhlichen Alten zusammen und nähert sich so der Epoche, in der der Ackerbau erfunden wurde.

Der Blick auf archäologische Stätten, unser Geschichtsbild und die Beziehungen zur Gegenwart fesseln den Künstler bereits seit seinem Beitrag für die Documenta 12. Dort zeigte er 2007 eine Installation über die antike Stadt Persepolis, die jüngst vom Belvedere angekauft wurde und nun im 21er Haus gezeigt wird. Wachsmuths bemalte Holzstangen, die wie minimalistische Plastiken anmuten, werden durch die Kombination von Bildtafeln mit Fotos von Lanzenträgern auf altpersischen Reliefs auch als Waffen lesbar.

Brisanz für heute erhalten die Bilder durch Zeitungsausschnitte von Demonstranten aus dem heutigen Iran, die mit Stöcken drohen oder bedroht werden. Die Verbindung von Gestern und Heute gelingt Wachsmuth auch in der Fotoserie "Signatures", für die er Inschriften an einem Tor in Persepolis dokumentiert hat. Westliche Archäologen, Diplomaten, Künstler, Journalisten und bloße Touristen haben sich dort im 18. und 19. Jahrhundert respektlos eingeritzt, oder gleich ihren eigenen Graveur mitgebracht, wie die schönen Lettern von "F.W. Graf Schulenburg" zeigen. Dieser Drang "Ich war da" zu verewigen, hat also schon lange vor dem Selfie-Zeitalter existiert.

21er Haus, bis 17.1.


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