Die Kim-Chronologie

Sohyi Kim hat wieder ein eigenes kleines und auch wieder exklusives Lokal

Stadtleben | Lokalkritik: Florian Holzer | aus FALTER 40/15 vom 30.09.2015


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Dass Sohyi Kim hart arbeiten kann, ist bekannt. Als ihr ein Restaurantprojekt, bei dem sie von ihren Partnern über den Tisch gezogen wurde, fast die Existenz kostete, startete sie ein Catering, gab Kurse, sorgte für Essen bei einem Biosupermarkt, arbeitete Tag und Nacht. 2001 versuchte sie es wieder mit einem Restaurant, in einem ehemaligen Copyshop, mit selbstgemachter Einrichtung, selbstgemachten Saucen und selbstgemischten Tees. Sie arbeitete Tag und Nacht. Der Erfolg war enorm, bald kam ein Kochstudio dazu, bald kochte sie bei Kerner, schrieb Kochbücher, bekam Hauben und Sterne, wurde in Korea zum Star, die Wartezeiten auf einen Tisch in ihrem winzigen Lokal wurden absurd lang.

Vor drei Jahren dann noch das Lokal am Naschmarkt und das Restaurant im Merkur am Hohen Markt, Frau Kim omnipräsent, Tag und Nacht.

Tag und Nacht reichten bald nicht mehr, Sohyi Kim musste zurückstecken. Das Lokal in der Lustkandlgasse wurde geschlossen, die Lokale am Naschmarkt abgegeben, Merkur blieb. Sohyi Kim verlegte sich mehr aufs Management, „aber das Kochen ging mir so irrsinnig ab“.

Weshalb sie Anfang September still und heimlich ein neues Lokal aufmachte: in einem ehemaligen Plattengeschäft, nur zehn Sitzplätze, nur Überraschungsmenüs (zu Mittag viergängig 40 Euro, abends zwölfgängig, 100 Euro) und von einem Team bekocht, das nur aus Quereinsteigern besteht, „so wie ich“, sagt Kim – ein Geologe, ein Immobilienmakler, ein Querflötist und ein DJ.

Das Lokal ist jetzt, wo noch alles recht geheim ist, schon gut gebucht. Man trifft um 19 Uhr ein, trinkt Aperitif und schaut Frau Kim zu, wie sie auf einer Vitrine mit Arbeitsplatte ihre Gerichte finalisiert. Kobia-Sashimi auf Mandelmus mit Limettenöl und Tomatenchutney, erfrischend, fruchtig, belebend; dann zweimal Tatar, von Hand geschnittenes Filet, dry aged, mit Chilinüssen, Norialgen, Wasabicreme, Thunfisch mit Süßkartoffelcreme und Sesam, sensationell; dann sautierter Erdapfel mit süß-sauer-scharfem Mangosalat, anregend, großartig, gebratener Oktopus mit weißen Bohnen, Muscheln, Eierschwammerln und Dashi-Fond mit Kernöl – ein typischer grenzgängerischer Kim-Gang, exzentrisch, fordernd, super; dann Heilbutt im fermentierten Sesamblatt mit Pesto aus wildem Sesam, das beste Gericht des Menüs, optisch und aromatisch mitreißend, eine Interpretation des grünen Curry mit Seezunge und fermentiertem Knoblauch, gerne täglich, und schließlich nur ganz kurz, scharf angebratenes Rindfleisch mit Grammel-Chili-Sauce, einem der Saucenhighlights von Sohyi Kim. Das dauert vier Stunden, man muss auch ein bisschen Geld dafür ausgeben und bekommt dafür eine Reise durch Kims Vergangenheit, Gegenwart und auch ein bisschen Zukunft. Diese vier Stunden zur eigenen Gegenwart zu machen, kann ich empfehlen.

Resümee:

Sohyi Kim kocht im exklusiven Rahmen für zehn Leute ein zehngängiges Menü. Man sollte danach streben, eine/einer dieser zehn zu sein.

Kim, 9., Währinger Str. 46
Tel. 0664/425 88 66, Mi–Sa 12–15, 19–24 Uhr


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