"Es war schön, berühmt zu sein"

Mike Skinner kommt. Beim Festival Waves Vienna legt er auf und zeigt eine Hip-Hop-Doku

Lexikon | Interview: Sebastian Fasthuber | aus FALTER 40/15 vom 30.09.2015


Foto: wmg

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Unter dem Namen The Streets war Mike Skinner eine der interessantesten Popfiguren der 2000er-Jahre. The Streets ist inzwischen Geschichte; beim Waves Festival (30.9. bis 4.10.) gastiert der englische Sprechsänger extraordinaire als DJ und Regisseur.

Falter: Die meisten Bands lösen sich auf, um mit einem Comeback später noch einmal abkassieren zu können. Warum haben Sie The Streets noch nicht wiederbelebt?

Mike Skinner: Ich hatte damals keine Hintergedanken, sondern einfach keine Lust mehr auf The Streets. Und das ist bis heute so geblieben.

Warum nicht?

Skinner: Mir macht mein Leben jetzt viel mehr Spaß als damals. Es drehte sich alles nur noch um Geld, Stress und all die anderen Begleiterscheinungen des Musikgeschäfts. Mich hat das nach ein paar sehr intensiven Jahren richtig krank gemacht. Es war schön, berühmt zu sein, aber es ist auch schön, ausgehen zu können und mit niemandem sprechen zu müssen.

Ihre Texte über Drogen oder Spielschulden klangen brutal ehrlich. Waren Sie ein zu offenes Buch?

Skinner: Überhaupt nicht. Ehrlichkeit war mir extrem wichtig, und das kam auch gut an. Mich stört an Popmusik die Kostümierung. Jeder will sich als Superheld inszenieren. Ob dabei ein Gangster oder ein androgyner Indierocker herauskommt, spielt eigentlich keine Rolle. Der Indierocker shoppt privat vielleicht am liebsten in großen Kaufhäusern, während der Rapper auf gesunde Ernährung schwört.

Sie machen heute immer noch Musik, aber mehr für sich selbst. Ist das befriedigender?

Skinner: Das trifft es ganz gut. Ich bekomme Entzugserscheinungen, wenn ich ein paar Tage keine Musik mache. Aber das meiste davon findet im Underground statt. Außerdem veranstalte ich mit ein paar Freunden die Partyreihe „Tonga“. Da lege ich auch immer wieder auf. Das liegt mir mehr, als auf der Bühne zu stehen und die Rolle des Rapstars spielen zu müssen.

Sie haben überhaupt keine Lust mehr, die alten Songs zu spielen?

Skinner: Nein. Als DJ lege ich gegen Ende meiner Sets meistens noch ein Streets-Stück auf. Auf diese Art ist es in Ordnung, die alten Zeiten noch einmal kurz aufleben zu lassen. Aber mit 40 als Rapper auf der Bühne zu stehen und „Geezers need excitement“ zu sagen fände ich peinlich.

Sie legen demnächst in Wien auf. Was darf man sich erwarten?

Skinner: Ich bin keiner dieser DJs, den die Leute wegen ihrer speziellen Mix-Fähigkeiten anstarren. Ich spiele einfach Dance-Music, die mir gerade gefällt. So ist es am besten. Wenn es mir Spaß macht, haben auch die Leute auf dem Dancefloor ihren Spaß.

Sie zeigen außerdem „Hip Hop in the Holy Land“, Ihre Filmdokumentation über die Rapszene in Israel und Palästina. Wie kam es dazu?

Skinner: Film ist heute mein zweites Standbein, da wird noch einiges kommen. Und ich war immer an Rap mit einer bestimmten Herkunft interessiert. Ich habe mich ja auch als Rapper aus Birmingham oder meinetwegen England verstanden. Dass sich Leute anderswo ebenfalls für meine Musik interessierten, war für mich eine große Überraschung. Ich finde die lokalen Ausprägungen von Hip-Hop einfach sehr spannend.

Ist diese konfliktreiche Region ein guter Nährboden für Hip-Hop?

Skinner: Ja. Die Situation ist eine ganz spezielle. Natürlich spiegeln sich die Konflikte in den Texten wider. Bei uns in England müssen sich Rapper dafür rechtfertigen, wenn sie sich in ihren Texten politisch äußern. Bei israelischen oder arabischen Rappern ist alles, was sie sagen, sofort ein politisches Statement. Es geht gar nicht anders. Hedonistischer Party-Rap wäre in der Region wirklich fehl am Platz.

Wie intensiv haben Sie sich vorbereitet?

Skinner: Zum Glück war ein sehr gutes Team dabei, einer der Produzenten hat Hebräisch gesprochen. Das hat mir bei den Interviews geholfen. Mir war es wichtig, möglichst unvoreingenommen an die Sache heranzugehen. Ich habe meine Gesprächspartner viel erzählen lassen und nur dann kritisch nachgefragt, wenn mir etwas an ihren Aussagen sehr problematisch erschien.

Welche Reaktionen hat
der Film ausgelöst?

Skinner: Die Leute, die im Film vorkommen, haben sich gut dargestellt gefühlt. Die Rückmeldungen von unbefangenen Beobachtern waren auch überwiegend positiv. Bei den Kommentaren im Internet sieht es natürlich anders aus. Die meisten kommen entweder von Leuten, die Juden hassen, oder von solchen, die Araber hassen. Wahrscheinlich haben viele davon den Film gar nicht gesehen.

Stadtkino im Künstlerhaus, Fr 19.00
(Film und Gespräch),
anschließend: DJ-Set in der Alten Post (00.45)


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