Das Lebensglück liegt im Abort: Schwabs "Die Präsidentinnen"

Feuilleton | Theaterkritik: Sara Schausberger | aus FALTER 41/15 vom 07.10.2015

Es ist eine "gmahde Wiesn", wenn man Werner Schwabs Fäkaliendrama "Die Präsidentinnen" so hochkarätig besetzt. Insofern konnte auch nicht viel schiefgehen in der Inszenierung des Regisseurs David Bösch. Der Text ist gut, die Schauspielerinnen ebenso. Regina Fritsch spielt mit struppiger Pelzmütze die Mindestpensionistin Erna, die katholisch prüde von ihrer Liebe zu einem Fleischhauer spricht. Barbara Petritsch gibt die reiche Pensionistin Grete, die geil wird, wenn sie von ihren Heiratsfantasien mit dem Fredi erzählt, der ihr den Finger in den Anus steckt. Und trotzdem hakt der Abend.

Schwierig ist die Rolle der jungen, einfältigen Mariedl (Stefanie Dvorak). Sie steckt ihr ganzes Lebensglück in den Abort der reichen Menschen, ihnen reinigt sie, ganz ohne Handschuhe, das verstopfte Klo. Bösch inszeniert sie als Schwachsinnige. Mit leerem Blick steht sie verdreckt auf der Bühne und bürstet ihrer kleinen Puppe monoton das Haar. Dadurch weicht jegliche Künstlichkeit aus der Rolle und die überhöhte Sprache Schwabs verliert sich in ihrer geistigen Zurückgebliebenheit.

Der lustig-böse Text wird so zum unsubtilen Sozialdrama, dem zu viel schmuddeliger Realismus anhaftet. Da ist keine Überhöhung mehr, sondern da ist buchstäblicher Dreck.

Die innere Schäbigkeit der Figuren zeigt sich auch im detailverliebten Bühnenbild von Patrick Bannwart. Ein ärmlicher Wohnraum wurde auf die Bühne gebaut. Abgeranzt und trist vereint er alles, was es zum Leben braucht: Küchenzeile, Matratze und ganz vorne das Klo. Übers Heilige Kreuz wurden die Worte "Fuck Mother" gesprayt.

Zum Schluss, wenn das sprachliche Schlachtfeld zu einem realen verkommen ist, wird der ermordeten Mariedl ein Heiligenschein über dem Kopfe schweben. Dazu ertönt anstatt des "Ave Maria" ein "Armes Mariedl" (Musik: Bernhard Mooshammer). Übrigens inszeniert David Bösch als Nächstes Tschechows "Drei Schwestern" am Burgtheater. Auch so eine "gmahde Wiesn".

Akademietheater, 15.10., 19.30 Uhr


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