Zwei Lastwagen voller Lautsprecher

"Pure Elektronik", konkret reine Tonbandmusik, wird beim steirischen herbst zu hören sein

Lexikon | Maria Motter | aus FALTER 41/15 vom 07.10.2015

An seinen ersten Synthesizer kann sich Winfried Ritsch genau erinnern. Als HTL-Schüler hat er 1980 mit einem Freund einen Formant Synthesizer gebaut. Die Ausgaben für die Transistoren teilten sich die beiden Freunde. "So bin ich zur elektronischen Musik gekommen", erinnert sich Ritsch. Schnell wurde eine New-Wave-Band gegründet. "Ein halbes Jahr später haben wir uns noch einen Filter dazu gekauft." Sinus-, Rechteckund Puls-Klänge waren damit möglich. "Wir wollten uns von der Rockmusik abheben." Im Vollausbau war Ritschs erster Synthesizer schließlich zwei mal einen Meter groß.

Jetzt stellt der Musiker, Medienkünstler und Lehrende am Institut für Elektronische Musik und Akustik (kurz IEM) in Graz für die "Vintage Concerts" im Rahmen des musikprotokolls beim steirischen herbst andere, alte, große Gerätschaften auf die Kasematten. "Wir fahren mit zwei Lastwagen durch ganz Österreich und sammeln Lautsprecher ein." Ein Lautsprecherkonzert war lange schon ein Wunsch. Nach seinem Studium und bereits am IEM arbeitend, komponierte Winfried Ritsch für Lautsprecherkonzerte, die in Linz und Wien stattfanden. Bloß in Graz gab es bis dato keines, das wird jetzt nachgeholt. "Back to the future" lautet schließlich das Motto des steirischen herbst. Denn Ende der 80er-Jahre gab es wenig Verständnis und noch weniger Geld für solch eine Veranstaltung.

Vor genau 50 Jahren gegründet, sollte das IEM einen Lehrgang für elektronische Musik bieten. Den gibt es bis heute nicht. Auch die Mittel am Institut waren bescheiden. Aus der Not machte man eine Tugend: Eine Tonsatztheorie für elektronische Musik und eine strenge Kompositionsschiene entstanden. Mittlerweile ist das IEM eine renommierte Institution, und die Grazer Gruppe hat sich unter den Elektronik-Schulen einen Namen gemacht. Mit dem Konzert will Ritsch Einblicke in die Grazer und die Wiener Schule der Elektroakustik von damals gewähren. Zu hören sein werden Kompositionen etwa von Wolfgang Musil, Katharina Klement und Bernhard Lang. "Es ist abstrakte Musik", schickt Ritsch voraus.

Und der herbst ist noch lange nicht vorbei: Als "berauschend fremdes Sounduniversum" bezeichnet der britische Guardian das Schaffen der Hip-Hop-Band Young Fathers, das Konzert könnte ein weiteres musikalisches Highlight dieses herbst werden (Kunsthaus, Sa, 22.30 Uhr). Und bei Anne Teresa de Keersmaekers neuer Choreografiearbeit "Golden Hours (As you like it)" wird ein Song Brian Enos gewürdigt (Premiere: 16.10., 19.30 Uhr, Helmut-List-Halle).

Kasematten, Graz, Fr-So 15.00-17.00


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