Nachgetragen Journal mehr oder weniger bedeutender urbaner Begebenheiten

Schani Margulies: Abschied eines Grünen, der die Arbeiter verstand

Politik | NINA HORACZEK | aus FALTER 41/15 vom 07.10.2015

Es war Mitte der 1990er-Jahre, zur Hochblüte der Haider-FPÖ, als ein älterer Mann an einem grünen Wahlkampfstand am Viktor-Adler-Markt in Favoriten lautstark mit den Passanten debattierte: "Wenn's glaubts, dass es eich dann besser geht, dann rennts halt zum Haider, es Trotteln", rief er ihnen zu, "aber ich sag euch eines: Für Leut' wie euch, für die Arbeiter, hat der Haider noch nie was gemacht."

Jean "Schani" Margulies war ein lauter Geist, aber einer, der stets hinter jenen stand, die zu den Schwachen in unserer Gesellschaft zählten. Dienstag vor einer Woche verstarb der Grün-Politiker im 76. Lebensjahr.

Margulies war der Sohn jüdischer, kommunistischer Widerstandskämpfer. Seine Eltern flüchteten mit ihm nach Frankreich, wo der Bub bei einer Lehrerin versteckt den Krieg überlebte. Nach 1945 kehrte die Familie nach Wien zurück, und Margulies engagierte sich in der KPÖ. Als 1968 die Sowjets in der damaligen Tschechoslowakei einmarschierten, brach Margulies mit der Partei, blieb aber der Linken treu.

Ab 1981 arbeitete er für die "Gewerkschaftliche Einheit" im Österreichischen Gewerkschaftsbund, der anlässlich seines Ablebens auch die schwarze Fahne hisste.

Als 1986 die Grünen erstmals in den Nationalrat einzogen, mischte Margulies auch hier mit, und zwar stets als Grün-Alternativer, als einer der Hauptvertreter der Linken innerhalb der Grünen. Eine Rolle, die auch einer seiner beiden Söhne, der Grünpolitiker Martin Margulies, als Wiener Gemeinderat gerne einnimmt.

Zwischen 1991 und 1996 saß auch Vater Schani für die Grünen im Wiener Rathaus, "als linkes soziales Gewissen seiner Partei", wie es sein langjähriger Wegbegleiter und Parteifreund Herbert Sburny in einem Nachruf formulierte.

Schani Margulies war stets streitbar und konsequent, aber kein Polterer. Und er hatte eine Eigenschaft, die den Grünen heute oft fehlt: Er sprach die Sprache, die auch die Arbeiterinnen und Arbeiter verstehen.


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