Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Hysterie

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 41/15 vom 07.10.2015

Es herrschte große Aufregung vor 20 Jahren. In der Regierung kriselte es, der Aufstieg der rechtsextrempopulistischen FPÖ, angeführt von Jörg Haider, schien unaufhaltsam. Die Stimmung war mehr als besorgt, schon die bloße Andeutung von Neuwahlen ließ Gefühle einer Staatskrise aufkommen. "Wo sind die formulierten politischen Reformziele der SPÖ", fragt der Autor in einem Essay mit dem Titel "Doppelkopf im Kriserl" (eine Staatskrise war meiner bescheidenen Meinung nach etwas anderes). Werde dort oder da so ein Reformziel sichtbar, wie in Caspar Einems Ausländerpolitik, die nicht restriktiv um jeden Preis vorging, geschehe das nur "in einer Art Vortast-und Nachgiebigkeits-Zickzack, der sich hauptsächlich am Boulevard zu orientieren scheint. Nach Vranitzkys Kalmierung der Waldheim-Phase, nach dem von ihm bewerkstelligten EU-Schwenk der SPÖ und dem Rückgrat für Scholtens Kulturpolitik reicht die Haider-Verhinderungsstrategie als politisches Ziel nicht aus."

Stimmungserhellend wirkt sich im Rückblick aus, dass Verteidigungsminister Werner Fasslabend (ÖVP) sich weigerte, die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" zu besuchen, wohl aber bei den rechten Recken auf dem Kärntner Ulrichsberg sprach. Dies ließ sich als schwarze Vorleistung für eine Koalition mit den Blauen interpretieren.

Ein Wort zur Abkühlung der erregten Situation versuchte der Autor Robert Menasse, dessen Essay "Ein verrücktes Land" der Falter auszugsweise abdruckte. "Die Hysterie wächst, und sie ist das denkbar schlechteste Rezept gegen die Entwicklung, die alle fürchten. Schon wird gemunkelt, dass Haider, einmal an der Macht, die Konzentrationslager wieder in Betrieb nehmen werde. Schon wird geraunt, dass man sich auf das Exil vorbereiten müssen, ja, es werden schon mögliche Exil-Orte bereist. Diese Gedanken sind so verkürzt, dass die in Betracht gezogenen Exil-Orte immer viel zu nahe sind - diejenigen, die mir bisher zu Ohren gekommen sind, befinden sich alle innerhalb der Europäischen Gemeinschaft." Zum Thema freiwilliges Exil demnächst mehr an dieser Stelle.


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