Kunst Kritik

Auf den Laufsteg, ihr blinden Flecken!

Lexikon | NS | aus FALTER 41/15 vom 07.10.2015

Unheilvoll schillern die fleischfressenden Kannenpflanzen vor dem schwarz-blauen Hintergrund, den Rudolf Schlichter seinem Stillleben 1953 verpasst hat. In der Ausführung des verlockenden - sexuell konnotierten - Blumenschlundes hat sich der Spätsurrealist allerdings zurückgehalten. Schlichters Gemälde wurde für die pfiffige Sammlungsschau "Blühendes Gift. Zur feministischen Appropriation des österreichischen Unbewussten" aus dem Mumok-Depot gehoben, in der Studierende des Master-Programms Critical Studies an der Akademie der bildenden Künste für einen überdurchschnittlichen hohen Anteil an Künstlerinnen und erfrischend viele Überraschungen sorgen.

Die Kuratierenden gliedern ihre Ausstellung in fünf originelle Kapitel: Die erste Sektion "Schlachten, Material, Prothesen" setzt mit 1945 ein und führt etwa zu den "Schlachthäusern in Paris", die die Gesellschaftsfotografin Madame d'Ora festhielt. Germaine Richiers hybride Bronzegestalt "Krallenwesen" von 1952 steht in Nachbarschaft zu einer der tänzerisch anmutenden Tischbein-Skulpturen von Markus Schinwald aus 2007. Solche gelungenen Verknüpfungen bietet auch die vollgehängte Wand in dem "Taking Pictures of the Boys" betitelten Abschnitt, der so unterschiedliche Mannsbilder wie Anna Artakers fotografierte Totenmasken in "48 Köpfe aus dem Merkurov Museum" oder Yto Barradas Fotoporträt eines afrikanischen Straßenhändlers "Man with painting - Tetouan" eint.

Feministisch ja, aber das Österreichische an dieser Parade des Verdrängten bleibt vage. Der rote Faden ist die Institutionskritik, die mal didaktisch, mal bissig auftritt. Die Hinweise, dass Herbert Boeckl Nazi war oder Ex-Direktor Edelbert Köb dem Museum seine 1975 entstandene Skulptur "Bleiplatte aufgeweht" geschenkt hat, bleiben Spitzen am Rande.

Mumok, bis 24.4.


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