Menschen

Ganz Wien!

Falters Zoo | Lukas Matzinger Josef Redl, Barbara Toth | aus FALTER 41/15 vom 07.10.2015

Wochenenden wie das vergangene machen Wien zu dem, was es wahrscheinlich gern noch öfter wär: so eine richtige Weltstadt. Auf dem Heldenplatz versuchten beim "Voices for Refugees"-Gratiskonzert je nach Quelle zwischen 75.000 und 150.000 eine möglichst denkwürdige Figur abzugeben, die große Kreativen-Sause Vienna Design Week beging ihr zweites und letztes Wochenende, im Konzerthaus saßen Reich und Schön (eher reich) beim Spendendinner zusammen und am Praterstern stiegen einander Trachtenträger auf die Haferlschuhe, weil sie zur Wiener Wiesn wollten. Die ganze Stadt schien auf der Straße.

Dass auch die kleine subkulturelle Transporter-Bar im Fünften zu einem echten Schauplatz des Wochenendes werden würde - damit hat echt niemand gerechnet. Weder der längst in den USA lebende Autor und Datum-Gründer Klaus Stimeder, der hier am Samstag sein neues Buch präsentierte, noch Falter-Redakteur Gerhard Stöger, der dazu Platten spielte. Die Stimmung war eher so Lesung-mäßig, als sich nach der Heldenplatz-Geschichte die coole Hälfte der dort Aufgetretenen entschied, nicht zur offi ziellen Aftershow-Party ins Luxushotel, sondern in den ruppigen Transporter zu gehen. Soap&Skin vulgo Anja Plaschg war da, Maurice Ernst mitsamt seiner Band Bilderbuch und Robert Stachel von Maschek auch - und dann standen plötzlich auch noch Campino und Vom Ritchie von den Toten Hosen auf der Tanzfläche und es ging zu den Ramones so richtig ab.

Gar nicht spontan, sondern sehr sorgfältig inszeniert waren die Abende, die Design-Week-Chefin Lilli Hollein und ihre Design-Cook-Kuratorin Alexandra Palla im wirklich abseitig gelegenen Wirtshaus Kronbergers' im tiefsten Favoriten ausrichteten. Am Freitag waren Gourmet-Entrepreneur Johannes Lingenhel und die Lichtkünstlerin Megumi Ito dran, und sie servierten den etwa 40 Gästen, wofür Lingenhel stadtbekannt ist; Käse. "Ja natürlich!"-Chefin Martina Hörmer, Foodie Sarah Krobath und Hoanzl-Musikmanager Marcus Mitt ermeier schmeckte es.

Im Wiener Konzerthaus war am Donnerstag schwach geschätzt das halbe Bruttoinlandsprodukt Österreichs in Form von führendem Personal großer Unternehmen vertreten. Ex-Finanzminister Josef Pröll, Automanager Siegfried Wolf, Notenbank-Chef Ewald Nowotny, ÖBB-Aufsichtsratsvorsitzende Gitt i Ederer und zahlreiche weitere prominente Gäste waren gekommen, weil Christian Konrad gerufen hatte. Der ehemalige Raiffeisen-Boss ist nämlich nicht nur Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung. Sondern auch Präsident des Vereins Wiener Konzerthausgesellschaft. In dieser Funktion lädt Konrad regelmäßig zu Fundraising-Dinners. Bei 500 Euro pro Sitzplatz kommt ein bisschen was zusammen. Dafür gab es neben Verpflegung auch noch den mexikanischen Tenor Javier Camarena, das Janoska Ensemble und die Herren der Wiener Singakademie zu hören.

Und dann ist da noch die Wiener Wiesn. Wo die, die weder Bilderbuch noch die Singakademie kennen, österreichische Kultur zelebrieren. Und die 99-Euro-Trachtenwelten-Panier ausfüllen. Oder das Jeans-Dirndl, das alt und neu kombinieren soll, aber letztlich schlecht geschnitten und geschmacklos ist. Und mit den Fingern Grillhenderl essen, und sich dann im billigen Leder abwischen. Und große Biere trinken. Und nach dem dritten solchen Polka tanzen. Und Waden zeigen. Und ungefragt die Tischnachbarin an Rücken und Kniekehle aufheben. Und ihr am Ende des Balztages ihr kleines Herzerl ausschütten oder ihr ein Großes aus Lebkuchen kaufen.


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