Kommentar Voices for Refugees

Masse ohne Macht: Schöne Solidarität auf dem Heldenplatz

Falter & Meinung | BARBARA TÓTH | aus FALTER 41/15 vom 07.10.2015

Es war wunderbar, was vergangenen Samstag auf dem Heldenplatz geschah. Bis zu 150.000 Menschen kamen, um ihre Solidarität mit den Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak zu zeigen. Sie applaudierten bei "Voices for Refugees" den Popstars genauso wie Bundespräsident Heinz Fischer. Früher hielt man bei solchen Gelegenheiten brennende Feuerzeuge hoch, heute erledigen das leuchtende Handydisplays. Statt inmitten hundertausender, schnell geklickter "Likes" auf Facebook fand man sich Schulter an Schulter unter analogen Gleichgesinnten wieder.

Elias Canetti hat die Sogwirkung, die versammelte Menschenmassen auf einen haben können, in seinem Werk "Masse und Macht" ausführlich beschrieben. Jeder, der am Samstag auf dem Heldenplatz war, spürte die Eindringlichkeit des Moments.

Nur wäre es falsch, daraus eine Wende im öffentlichen Bewusstsein ablesen zu wollen. Österreich ist nach diesem Wochenende Fremden gegenüber nicht offener als zuvor. Das wäre es auch nicht, wenn sich -wie damals beim legendären Lichtermeer im Jahr 1993 -nahezu doppelt so viele Besucherinnen und Besucher auf dem Heldenplatz versammelt hätten. Das ist auch nicht der Sinn solcher Großdemonstrationen. Sie können die Vorurteile und das Verhalten von Menschen nicht verändern. Die, die die Parolen der "Voices for Refugees" nicht mögen, gehen erst gar nicht hin und fühlen sich im Nachhinein in ihrer Haltung nur bestärkt. Wie viel Geld das alles gekostet haben muss! Was die Jubelbilder bei denen, die zu uns wollen, nicht alles auslösen!

Das Heldenplatz-Konzert war ein Großritual der Selbstvergewisserung. Machtvoll leider nur für die, die ohnehin daran glauben wollen.


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