Selbstversuch

Nach so was fängt es eigentlich erst an

Doris Knecht schmeißt ein paar Eiswürfel rein

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 41/15 vom 07.10.2015

Natürlich gibt es derzeit nur ein Thema: die Wien-Wahlen, und wie es danach weitergeht. Wenn man die Bilder vom Samstag gesehen hat - die Demo, der Heldenplatz, das Smartphone-Lichtermeer, die Facebook-Post von neustolzen Wienern -, ist man geneigt zu denken, man müsse sich überhaupt keine Sorgen machen. Das täuscht.

Aufgrund leider offenbar unheilbarer Soziophobie war ich zwar kurz auf der Demo, ergriff aber, noch bevor sie sich in Marsch setzte, die Flucht, nachdem ich an verschiedenen Rändern der Menschenmenge herumgestanden und erfolglos nach Bekannten Ausschau gehalten hatte. Notiz für die nächste Demo: unbedingt vorher verabreden. Ich hätte vielleicht auch lieber nicht irrtümlich die blitzblaue Jacke anziehen sollen; man begegnete der FPÖ-farbenen Frau, die da am Rand herumschlich, mit einem gewissen Misstrauen. Ich hielt eine Dreiviertelstunde tapfer durch, dann trieb es mich, ob ich wollte oder nicht, heimwärts. Alle anderen coolen Leute waren in der Gegenrichtung zur Demo hin unterwegs und warfen der vor der Macht des Guten fliehenden Blauen mitleidige und offen abwertende Blicke zu. Ja, ist schon gut. Ich habe es verdient. Ich habe eh ein schlechtes Gewissen. Und ich bin wahnsinnig froh, dass alle anderen Hunderttausend da waren und für ein wirklich starkes Zeichen sorgten.

Und ich find's auch super, dass sich alle da so froh und ergriffen und als Teil von etwas Großem, Wichtigem und richtig Gutem fühlten. Und es hat mir gefallen, dass nach all den Jahren Konstantin Wecker noch immer musikalischer Chefideologe der Wohlgesinnten ist, wie schon damals, als ich mit 15 bei einem jetzigen STV LH in der Küche saß und zum ersten Mal den "Willy" hörte. Aber wie schon bei den verschiedenen früheren Lichtermeeren bin ich auch diesmal ein bisschen ein Spaßverderber und eine Eiswürfeleinwerferin und gebe zu bedenken, dass es sich bei dem Umstand, dass man an einem lauen Herbstabend einem großen Konzert lauschte, zwar um einen politischen Akt handelt, aber um einen, der andere politische Akte nicht ersetzen kann, wie Zupacken bei der Flüchtlingshilfe, lästiges Maulaufreißen für Menschenrechte und Eintreten für alle Schwächeren auch zu Zeiten, zu denen es sehr viel weniger populär ist als letzten Samstag. Die Sache ist nicht erledigt.

Allerdings weiß ich von wirklich vielen Leuten, die derzeit helfen, schleppen, sammeln, kochen, spenden, versorgen und beherbergen, ohne dass sie das auf Facebook auch nur vermerken. Wobei, sofern es sich nicht in einem Selfie mit Flüchtlingskind erschöpft, nichts Schlechtes daran ist, es zu vermerken, das ist ansteckend und ermutigend. Wenn die das macht. Wenn der sich das traut. Es ist nur nicht mit der Ergriffenheit und der Euphorie getan, die einen bei einem Gemeinschaftserlebnis wie dem Heldenplatz-Konzert, übermannt, durchrührt und mitreißt. Nach so etwas kann man, wenn man es nicht schon tut, eigentlich erst anfangen. Und wählen gehen natürlich sowieso.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige