"Ein unendliches Forschungsfeld"

"Körper": Die Kompanie Sasha Waltz & Guests erforscht den Menschen im Tanzquartier

Lexikon | Interview: Sara Schausberger | aus FALTER 41/15 vom 07.10.2015


Foto: Bernd Uhlig

Foto: Bernd Uhlig

Sasha Waltz (52) gilt als Erneuerin des Tanztheaters. In den vergangenen zehn Jahren machte sich die Berliner Choreografin und Tänzerin aber vor allem als Opernregisseurin einen Namen. In ihren Opern vereint sie Tanz, Gesang und Musik zu einem Gesamtkunstwerk. Sie ist Mitbegründerin der Sophiensäle Berlin und übernahm als erste Choreografin die künstlerische Leitung an der Schaubühne. Mit dem Falter sprach sie über die österreichische Erstaufführung ihres Klassikers „Körper“, mit dem sie im Jahr 2000 die Schaubühne eröffnete.

Falter: Frau Waltz, in „Körper“ erforschen Sie die Hülle und das Innere des Menschen. Was konnten Sie über den menschlichen Organismus herausfinden?

Sasha Waltz: Ich habe gemerkt, was für ein unendliches Forschungsfeld der Körper ist. Es ist wie im Biologieunterricht, man dringt immer tiefer in die Materie ein und irgendwann kommt man zur Zellteilung. So empfinde ich auch die Arbeit mit dem Körper: Man erreicht immer tiefere Schichten.

Haben Sie deshalb eine Trilogie mit zwei weiteren Teilen daraus gemacht?

Waltz: Ich musste in „Körper“ viele Themenfelder ausklammern, um eine Einheit im Stück zu schaffen. Zum Beispiel die Sexualität. Ich wollte die Körper nackt auf der Bühne haben, aber keinen sexualisierten, sondern einen möglichst neutralen Blick auf sie. Wie der Blick eines Mediziners eigentlich.

Also gar kein Sex?

Waltz: Um Sexualität geht es im zweiten Teil „S“. Und der dritte Teil „noBody“ handelt dann vom immateriellen Körper und vom Tod.

Ihre Kompanie Sasha Waltz & Guests tourt seit mittlerweile 15 Jahren mit „Körper“. Warum ist ausgerechnet dieses Stück so erfolgreich?

Waltz: Der Begriff „erfolgreich“ ist relativ. Ich pflege mit meiner Kompanie ja Repertoire und versuche die Stücke weiterleben zu lassen. Aber „Körper“ ist insofern ein besonderes Stück, weil ich damit im Jahr 2000 die Schaubühne eröffnet habe. Es war der Anfang dieses Ensembles und auch ein Wendepunkt in meinem Schaffen.

Inwiefern?

Waltz: Ich hatte davor eher sozialrealistische Stücke gemacht, in denen ich gesellschaftliche und zwischenmenschliche Aspekte untersucht habe. Meine Arbeit war damals mehr tanztheaterorientiert, nicht im Sinn von Pina Bausch, aber sehr theatral. „Körper“ ist viel abstrakter als die vorhergehenden Stücke.

Gerade im Tanz ist der Körper das wichtigste Gut. Durchtrainierte Menschen stehen auf der Bühne. Wie durchbrechen Sie das Streben nach körperlicher Perfektion auf der Bühne?

Waltz: Es ging mir stark um das Eingreifen in das Material des Körpers, um die Manipulation. Das Streben nach Unsterblichkeit ist ja ein alter Traum des Menschen. Wir versuchen das Altern immer weiter hinauszuzögern oder es unsichtbar zu machen. Man hat keine Falten mehr, aber dafür Botox. Diese Entwicklungen waren zur Zeit, als das Stück entstand, relativ neu. Ich finde es problematisch so stark einzugreifen, weil es das fragile Gleichgewicht des Körpers durcheinanderbringt. Wie weit wollen wir noch gehen, um über den Körper zu bestimmen?

Gerade der Tanz ist eine sehr altersfeindliche Disziplin. Wie
halten Sie dagegegen?

Waltz: Nach 15 Jahren stehen immer noch die gleichen Tänzer auf der Bühne. Das heißt, diese Tänzer sind nicht mehr ganz jung und das Leben hat an ihnen gearbeitet, viele haben Kinder bekommen. Es ist für mich auch ein Statement, die Tänzer in unterschiedlichen Lebensphasen zu zeigen und ihre Erfahrungen am Körper ablesbar zu machen. Im klassischen Ballett muss man mit 42 Jahren aufhören, egal ob man auf der Höhe seiner Karriere ist und keine Verletzungen hat. Ich finde das schon sehr fragwürdig. Ich beobachte, wie Tänzer wachsen. Man stelle sich vor, ein Pianist oder ein Geiger hört mit vierzig auf, wenn er auf der Höhe seines Ausdrucks ist.

Was kann der Tanz, was andere Kunstformen nicht können?

Waltz: Der Tanz berührt das Unterbewusste des Menschen in ähnlicher Form, wie es auch die Musik macht. Allerdings hat der Tanz diesen körperlich, materiellen Aspekt, den es in der Musik nicht gibt.

Ist das der Grund warum Sie mittlerweile vor allem Opern inszenieren?

Waltz: Musik und Tanz sind wie Bruder und Schwester, das ist die schönste Form des Zusammenspiels. Die Idee des Gesamtkunstwerks lässt sich in der Oper verwirklichen, weil sie die Möglichkeit bietet, die unterschiedlichen Kunstformen zusammenzuführen. Ich untersuche die Oper unter dem Aspekt der Choreografie, ich nenne das choreografische Oper. Der Tanz ist darin nicht Dekoration, sondern eröffnet eine weitere Ebene.

Tanzquartier, MQ, Halle E, Do 20.30 (bis 16.10.)


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige