Kabarett Kritik

Die hohe Latte und der Fluch des sechsten Sinns

Lexikon | Peter Blau | aus FALTER 41/15 vom 07.10.2015

Zunächst kommt einem David Fincher in den Sinn. Denn "Gott & Söhne" (Regie: Alfred Dorfer) wirkt anfänglich, als habe er zwei Schauspieler damit beauftragt, den Plot seines Films "Se7en" zu einer Screwball-Komödie umzuschreiben: Thomas Stipsits und Manuel Rubey sitzen auf der Bühne und erarbeiten ihr Stück über die sieben Todsünden, schreiben Szene für Szene, proben und spielen, steigen wieder aus und schreiben um - bis sich ihr Werk plötzlich unheilvoll verselbstständigt. Scripted Reality im Analogmodus. Eine durchdachte und verschachtelte Dramaturgie. Was ihr fehlt, sind inhaltlicher Zug und Zweck.

Denn das perfekt eingespielte Duo bietet vorwiegend flottes Rollenspiel und funktionellen Klamauk nach altbekannten Strickmustern. Nur diesmal nicht mehr als komisches Kontrastmittel in einer verwirrenden, spannenden und schlussendlich berührenden Geschichte, sondern als sketchparadige Fassade für eine artifiziell verkomplizierte Story über ein Heilsversprechen und viele Todesfälle.

Bei bewährten Formen und Figuren nur Text und Kontext zu verändern hat sich bereits in Stipsits' Soli als Erfolgsrezept erwiesen. Zum Gaudium der Gemeinde noch rasch ein wenig Publikumsbeteiligung, ein paar billige Kalauer-Stafetten und eine alberne Tanzeinlage: That's entertainment, folks! Die Form erlaubt es ihnen ja, sich auch prompt zu distanzieren: "Die Nummer streichen wir wieder."

Vier Jahre lang haben Stipsits & Rubey ihr grandioses Debüt "Triest" gespielt. Jetzt ist Erntezeit: "Gott & Söhne" war schon vor der Premiere auf Monate hinaus ausverkauft. Doch es ist nicht illegitim, Künstler an ihrem großen Wurf zu messen. Night Shyamalan ("The Sixth Sense") kann davon Lieder singen. Und Trost spenden: "Always in life", erkannte er einst, "bad times will lead to great times."

Stadtsaal, So 20.00


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